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Märchen hoch drei

Andersens "Wilde Schwäne" im Figurentheater Fitz
erschienen am 01.04.2005 in Stuttgarter Zeitung
von Nicole C. Bück

Nach der Premiere meint ein älterer Zuschauer, dass Kinder die vielen Anspielungen in diesem Stück gar nicht verstehen könnten. Doch das Kinderlachen während der „Wilden Schwäne“ im Figurentheater Fitz beweist, dass die vielschichtige Inszenierung Erwachsene und Kinder gleichermaßen zu begeistern weiß. Pünktlich zum 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen verwandeln die Figurenspielerin Anne-Kathrin Klatt und der Regisseur Michael Miensopust dessen Märchenvorlage in eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen spielt und deren Rahmenhandlung auf Billy Wilders Film „Boulevard der Dämmerung“ anspielt: Gloria, die alte Stummfilmdiva, und Max, ihr treuer Diener, führen ein symbiotisches Leben.

Der größte Erfolg in Glorias Karriere war die Verfilmung der „Wilden Schwäne“, und sie flüchtet, aus Angst vor der Gegenwart, aus Angst, sich dem Altwerden stellen zu müssen, immer wieder aufs Neue in die Vergangenheit, in ihre große Zeit und spielt mit Unterstützung ihres Dieners diesen Film wieder und wieder nach, gefangen in einer unendlichen Zeitschleife.

Ein gekonnter dramaturgischer Kniff, denn so entstehen drei Erzählebenen – Märchen, Film und Diva-Diener-Beziehung. Das erzeugt große Dichte und Dynamik und ermöglicht es auch, filmische Mittel auf der Bühne einzusetzen. Für cineastische Atmosphäre sorgen auch Filmmusiken der dreißiger Jahre, einmal wird sogar ein Oscar verliehen. Auch die amüsante Beziehung des Dieners zu der alten Dame trägt dazu bei, dass „Die wilden Schwäne“ zu einem feinen, kompakten Stück wird. Hier und da erinnert die Konstellation an den Silvester-Kultfilm „Dinner for One“, so stolpert Max ständig über den Teppich und unterwirft sich den Befehlen der Despotin, doch immer mit stoischer Gelassenheit und ironischer Distanz. Michael Miensopust als Diener zeigt seine komödiantische Ader, lässt aus Staubwedeln Hunde entstehen oder aus Servietten die in Schwäne verzauberten Brüder aus dem Märchen. Er verwandelt sich auch immer wieder, ersetzt der Diva alle Filmpartner, erzeugt mit Perlenketten Meeres-Geräusche oder mit einem Gummibaum einen ganzen Wald.

Auch Anne-Kathrin Klatt überzeugt durch Vielseitigkeit, gerade noch wirbelt sie als böse Königin im Charleston-Stil auf dem Tisch, bricht in der nächsten Minute zusammen, wird wieder zur alten, gebrechlichen Frau und muss von Max gestützt werden. Sie lässt aus Zuckerwürfeln die ungeliebten Stiefkinder entstehen, um sie – wieder in der Rolle der bösen Königin – in wilde Schwäne zu verwandelt, und kaum setzt sie die Maske der verstoßenen Prinzessin Elisa auf, verwandelt sich Anne-Kathrin Klatt in ein junges, leichtfüßiges Mädchen.

„Die wilden Schwäne“ entführt in eine wundersame Märchenwelt, in eine Inszenierung zwischen Materialtheater, Schauspiel und Pantomime, die gestalterische Mittel des Theaters und des Films nutzt. Für die Kleinen kommt ein klassisches Märchen auf unkonventionelle Weise auf die Bühne, für die Großen viele Anspielungen auf das Altwerden, auf Filmklassiker und auf aktuelle Fragen. Und dabei schaffen es Anne-Kathrin Klatt und Michael Miensopust außerdem noch, Andersens Märchen keinesfalls stiefmütterlich zu behandeln.