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Magische Macht

Deutsch-kongolesisches Theaterprojekt „Das Dorf auf dem Hügel“ im Stuttgarter Fitz
erschienen am 22.06.2007 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Um Lug und Trug, Hokuspokus und Magie, Schamanentum und faulen Zauber, aber auch um das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen geht es in dem jüngsten Stück, das die bewährte Figurentheaterseilschaft Stefanie Oberhoff und Lambert Mousseka jetzt in Kooperation mit dem Stuttgarter Fitz geschaffen hat. In der Spielstätte im Tagblattturmareal zeigen die beiden Kulturennetzwerker aus Stuttgart und Kinshasa die neueste Produktion „Das Dorf auf dem Hügel – ein Spiel um Macht, Magie und Manipulation“. Dafür haben die Figurenspieler winzig kleine Marionetten geschaffen, die auf einem ausgeleuchteten Podest auf der Bühne agieren.

Herrscher über zwei Reiche

Ein dauerhustender König sitzt auf seinem kleinen Korbsesselthron. Er ist der Herrscher über zwei Reiche. In dem armen Dorf fliegen sämtliche Wertgegenstände noch oben und verschwinden im Nirgendwo des Bühnenraums. Selbst ein brennendes Papiertürmchen erhebt sich in die Luft und hat sich plötzlich aufgelöst. Das andere Dorf liegt auf einem Hügel und schwelgt im Reichtum. Einbezogen in die märchenhafte Geschichte ist weiteres Personal, etwa ein geldgieriger Ethnologe und ein Fetischeur (Priester einer afrikanischen Religion, der mit der Natur in Kontakt steht und auf den befremdlichen Namen „Vegetable Soup“ hört) samt seiner schwangeren Frau, in die sich der dödelige Königssohn erfolglos verliebt.

Die grotesken Winz-Figuren, die durch überzeichnete menschliche Verhaltensweisen so emphatisch wirken, nehmen die Zuschauer mit auf eine in Deutsch und Französisch geführte Phantasiereise durch verschiedene Bewusstseinsebenen. Ein bisschen Hokuspokus, ein paar Tricks aus dem Zauberlehrgang für Anfänger, afrikanischer Gesang und rituelle Tänze mit Mini-Maske werden vom Regieteam Danaye Kalanfei aus Togo und Alberto Garcia Sanchez aus Spanien als augen- und ohrenschmeichelnde Höhepunkte eingesetzt.

Nach 70 Minuten haben sich die Probleme dank Mystik und moderner Technik in Luft aufgelöst – offenbar eine beliebte kongolesische Vorgehensweise, die schon im deutsch-französisch-kongolesischen Theaterprojekt „Le Cadeau“, das bei den Fitz-Festwochen 2006 zu Gast war, verblüffte.

Politische Dimension

Auch damals setzten sich Oberhoff und Mousseka kritisch-unsentimental und unterhaltsam zugleich mit Armut, Folklore, Machtkämpfen und Unterdrückung auseinander, die beim Aufeinandertreffen verschiedener Welten eine sehr politische Dimension bekommen. Dabei spielt die reichlich konstruierte Geschichte nur eine untergeordnete Rolle. Man könnte „Das Dorf auf dem Hügel“ als Charivari-Krimi abtun, wären da nicht die kleinen Teufelskerle von Figuren, von denen so, wie sie von Oberhoff und Mousseka geführt werden, die wahre Magie ausgeht. Unverkrampft und spielerisch hauchen die Spieler den beinernen Kerlchen Seele ein.