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Magnetismus-Übung mit Potential

erschienen am 21.09.2018 in FIDENA Portal
von Tom Mustroph

Eine Vierkant-Stange, die sich hoch über den Köpfen dreht, ein blinkendes Bedienpult aus einer sehr frühen Ära der Automatisierung und ein paar handliche Objekte – viel mehr brauchen Melanie Florschütz und Michael Döhnert bei ihrer neuesten Produktion „Eletrische Schatten“ nicht. Es handelt sich dabei um eine durchaus reizvolle Reduktion. Am Anfang betreten die beiden die Bühne und erkunden akustisch die wenigen Utensilien, die dort zu sehen sind. Es macht „Pling“, wenn sie an die Stange stoßen, „Plang“, wenn das Bedienpult berührt wird. Florschütz hantiert zudem mit einem großen Universalschraubenschlüssel, dessen Umdrehungen mit lauten Klickgeräuschen verdeutlicht werden.

Diese Entdeckungssequenz führt in den Raum ein. Sie schärft die Sinne; eine gute Präparation. Sie könnte allerdings etwas weniger getragen und weniger bemüht bedeutungsschwer vonstatten gehen.

Dann wird das über den Köpfen befindliche Vierkanteisen in Rotation versetzt. Die Geschwindigkeit variiert, einzelne Objekte werden wie mit Zauberhand an der Stange befestigt. Das hat Slapstick-artige Wirkung, wenn es sich um eine übermannsgroße Platte handelt. Florschütz weicht dem rotierenden Ungetüm geschickt aus. Sie kauert sich auf den Boden, macht sich ganz klein. Dann folgt sie dem zurückschwingenden Element, wird für einen Moment selbst zum Treiber, zum Jäger, bis die Platte sich wieder nähert und die menschliche Akteurin in die Defensive versetzt.

Dies ist ein schönes Spiel zwischen den Polen aktiv und passiv, defensiv und offensiv. Ein wenig mehr verzaubernde Lichtstimmungen hätten der Sequenz aber auch geholfen.

Ihren dramaturgischen Höhepunkt erfährt die nur 45 Minuten kurze und weitgehend kurzweilige Produktion, als die Platte abgeräumt wird und Objekte in sehr vielfältiger Form an der Stange platziert werden. Es handelt sich um Federn, um Kleidungsstücke, ja selbst ein Eimer wird an der Rotationsachse befestigt.

Das Arrangement ist skurril. Poetische Kraft entfaltet es, wenn das Licht die Schatten der kreisenden Elemente an die Bühnenrückwand wirft. Zur Premiere in der Schaubude Berlin wirkte dieses potentiell interessante Schattenspiel aber noch nicht ausgereift. Sei es, dass die richtigen Abstände zwischen Lichtquelle, Objekt und Schattenwand noch nicht gefunden wurden, sei es, dass die geeigneten Lichtstärken und Farben nicht verfügbar waren. Das Arrangement an sich ist allerdings gut gedacht. Der wortlose Umgang mit den Objekten überzeugte. Auf ihnen lag die Aufmerksamkeit und sie konnten auch ihre eigene materiale Aura entwickeln.

Dass der Höhepunkt schon erreicht war, als alle Dinge an der Stange waren, ernüchterte dann leider auch etwas. „Elektrische Schatten“ schrumpfte plötzlich zur Übung, das richtige Objekt an die richtige Stelle zu platzieren. Ein neues Bild, eine Überraschung, eine Transformation hätte gut getan, auch und gerade für das Publikum ab 4 Jahren. Man sollte die visuelle Intelligenz der Kleinen nicht unterschätzen. Und wenn Objekttheater erfolgreich in den Konkurrenzkampf mit den bunten Dispays der Smartphones eintreten will, muss es die eigenen Qualitäten wirkungsvoller ausspielen. Positiv bleibt: Die Grundanlage stimmt. Und es ist zauberhaft, wie ernst die Objekte an diesem Abend genommen werden.