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Manipulation per Plüsch-Gorilla

Im Fitz zeigt das Stuttgarter Ensemble Materialtheater eine vergnügliche Szenencollage.
erschienen am 30.04.2015 in Stuttgarter Zeitung
von Cord Beintmann

Sigrun Kilger steht in Unterwäsche auf der Bühne und wird mit knallroten Stiefeln und Perücke zuerst in eine flotte Blondine verwandelt, dann mit weißem Kittel und einer völlig anderen Perücke in eine biedere Ärztin. Manipulation heißt, jemanden durch gezielte Beeinflussung in eine bestimmte Richtung zu lenken, und mit Kleidung kann man prima manipulieren. Die Ärztin verpasst einer Präsidentin ein völlig neues Gesicht mit Sorgenfalten auf der Stirn und ‚Charismafalten‘ neben dem Mund. Die Spitzenpolitikerin möchte ein ‚ganz alltägliches Gesicht‘, um sich an ihr Volk heranzuschwindeln. Ähnliches versucht ein Püppchen, dessen Kopf dem der Kanzlerin gleicht.

Mit allen möglichen Theatermitteln arbeitet das Stuttgarter Ensemble Materialtheater zusammen mit Freunden am Thema Manipulation. Jetzt ist die Produktion ‚ Manipulation – eine unvollständige Collage‘ im Zentrum für Figurentheater uraufgeführt worden. Dreizehn Leute agieren auf der Bühne, für das Fitz ist das eine gewaltige Anzahl. Geboten wird eine Art Nummernrevue von fast dreißig Szenen, die Daniel Kartmann mit raffinierten Live-Klängen musikalisch unterfüttert.

Jede Szene steht inhaltlich und ästhetisch ganz für sich, und damit sind gut zwei Stunden Theater richtig spannend. Wie Manipulation funktioniert, zeigt Eva Kaufmann bravourös. Als Spenden erheischende Anwältin der bedrohten Berggorillas spricht sie erst einmal suggestiv. Dann lässt sie einen kleinen Plüsch-Gorilla zu ihrem Knie hinaufklettern und setzt damit auf den überrumpelnden Reiz der Putzigkeit. In der besten Szene kämpfen Alexandra Kaufmann, Sigrun Kilger und Annette Scheibler mit den Mitteln der Manipulation um einen Platz von zwei, drei Quadratmetern auf der Bühne, den jede der Frauen für sich allein beansprucht. Da gelingt ein Theater von überzeugender Bildsprache.

Witzig wird der Begriff Manipulation wissenschaftlich erklärt, da geht es um die linke und rechte Hirnhälfte, um den Verstand und um die Gefühle. Laura Oppenhäuser erklärt das alles mit Zeichnungen, die sie auf der Bühne vorzeigt und in denen zum Beispiel Menschen Manipulatives in ihre leeren Gehirne geschüttet wird. Natürlich ist das alles zart satirisch angelegt. Am Schluss des Abends ist ein Kurzfilm von Alexander Hector zu sehen, der intelligent die Frage bearbeitet, was für uns eigentlich Realität bedeutet.

Manipulation ist Betrug, Lüge, Täuschung. Nicht jede Szene schafft es, das klar auf den Punkt zu bringen. Doch ist der Abend absolut sehenswert, allein wegen der Vielfalt der theatralischen Mittel, Schauspielerei, Video, Puppenspiel und sehr fein eingebundene Musik. Und sehr amüsant ist das alles. Lustvolle Lacher durchziehen einen vergnüglichen Abend, der ganz und gar Theater ist.