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Menschen, Drachen, Ungeheuer und der müde Tod

Spleen nach Charles Baudelaire im Fitz bietet faszinierendes und spannendes Figurentheater - Eigenwilliges Spiel zu melancholischem Stück
erschienen am 28.10.2006 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

Stuttgart – Das Figurentheater Wilde und Vogel gilt auch in der üppigen Stuttgarter Szene als Besonderheit. Das haben die beiden auch mit ihrer neuesten Schöpfung, „Spleen“ nach Charles Baudelaire, bewiesen.
Alleine die Zusammensetzung wirkt schon stilbildend für die beiden. Da ist der Figurenthea-terspieler und Figurenbauer Michael Vogel einerseits und die Musikerin Charlotte Wilde andererseits, die zum Spiel Musik auf diversen Instrumenten und Geräusche beisteuert. Live mit auf der Bühne sitzend und auf Gitarre, Bass und Geige spielend, prägt Charlotte Wilde die Darbietung stärker mit, als dies bei anderen Ensembles der Fall ist.

Auch mit „Spleen“ ist den beiden wieder ein spannendes Stück gelungen. Zu den tiefgründig meist melancholischen Gedichten Baudelaieres entwickelt sich mit den genialen Figuren Vogels ein ganz eigenes Spiel. Beileibe keine Nacherzählung, sondern Bilder aus fernen Welten, die Stimmungen illustrieren und transportieren, sind entstanden. Ein müder Tod, ein geiler Frosch, Gestalten, die ihren Kopf verlieren, menschlich wirkende Ungeheuer, Drachen, Chimären, der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, was hier über die Bühne geführt wird und sein Unwesen treibt.

Dabei werden tiefe Gefühle geweckt und illustriert, eine Art von Traumbildern entsteht, die in ihrer Vieldeutigkeit weit über die verbalen Beschreibungen der Gedichte hinaus reichen.

Dazu noch die Musik- und Geräuschummalung, die ein Übriges tut, um hier den Zuschauer zu packen, ihn anzuregen, den Gefühlen zu folgen. Wie ist doch unterschwellig zum Beispiel eine Art tiefer Wut spürbar, die Wut aller an der Gesellschaft Zweifelnden, an der Menschheit Verzweifelnden.
Kommt das nun von Baudelaire oder von Wilde und Vogel? Wohl aus einer gewissen Seelenverwandtschaft sind derartige Feinheiten entstanden. Feinheit im Ausdruck ist auch der Begriff, der für die Figuren, die da tanzen, schweben, kreuchen oder fleuchen oder auch mal fliegen, passt. Sehr fein gesponnen sind auch die Effekte, mit denen aus einzelnen Texten ein Ganzes wird, vielleicht gar das künstlerisch Anspruchsvollste an dieser Produktion, diese Rundung in sich, diese Einheit, dieses Sichfinden verschiedener Einzelstücke zu einer Einheit.