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Mit Augenzwinkern auf den Spuren des Genialen

„Die Empfindsamkeit der Giganten“ im Stuttgarter Fitz überzeugt als Stück mit stimmiger Leichtigkeit und leisem Humor
erschienen am 22.02.2017 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

„Huch!“ Unser, also des Publikums Genie soll uns entrissen werden und demokratisch verteilt werden. Sagt gleich zu Beginn der Stuttgarter Premiere von „Die Empfindsamkeit der Giganten“ im Fitz der österreichische Puppenspieler Christoph Bochdansky, der sich nun schon für eine dritte Produktion mit dem Leipziger Figurentheater Wilde & Vogel zusammengetan hat. Nun, unser Genie, falls vorhanden, bleibt dann doch von den Akteuren unangetastet, sie befassen sich im Verlauf des Abends dann eher mit Genies, die zumindest weitreichend im Ruf stehen, eines zu sein. Leonardo da Vinci, Johann Sebastian Bach und Sigmund Freud trifft die Wahl. Und da sie aus bekannten Gründen nicht selbst anwesend sein können, werden sie vertreten, so etwa Leonardo durch eine Bartlocke, Johann Sebastian durch ein Kinderklavierchen oder der große Seelenklempner durch seine Zigarre.

In der Folge treten auch eine Reinkarnation von Sigmund Freuds Chow-Chow auf, der aber so ganz anders aussieht als die blauzüngige Hunderasse, viel gefährlicher, eher depressiv im Wesen. Und er tritt in den Dialog mit dem Geier – oder war es doch ein Milan? –, der da Vinci als Kind besucht haben soll. Doch das sind nur Momentaufnahmen aus einem an Eindrücken und Szenen reichen Abend, den Bochdansky als eine Art Conferencier und Puppenspieler, Michael Vogel in allerhand Masken und mit verschiedenen Puppen, Objekten und Materialien da zur je nach Bedarf füllenden, nachhallenden, verstärkenden, abschwächenden Musik der Klangkünstlerin Charlotte Wilde zelebrieren.

Es ist ein kryptischer Abend, mit Fragen, Bemerkungen, Gedankenblitzen und -spielen, der da mit mindestens ebenso verwinkelten Gedankenwegen, wie man sie im Gehirn der Genies vermutet, eine eigene Welt des Genialen zelebriert. Und das nicht ohne Humor, ja immer auch mit einem leisen Kichern, einem Augenzwinkern, das alleine schon sehr relativierend wirkt auf die Ehrfurcht, die Genies zuweilen entgegengebracht wird. Vielleicht gibt es da gar nicht so viel zu verteilen in einer Zeit, in der sich Ungelobte eben selber loben, in denen sich allerlei Scharlatane selbst zum Genie erheben, eine sehr wohltuende Stimme in der allgemeinen Kakophonie des Narzissmus der Zeit. Zumal diese Stimme sehr viel Wohlklang verbreitet, im übertragenen Sinne aber auch, wenn Michael Vogel, der nun sicher kein Opernsänger ist, haltlos knödelt, wunderbare Lieder intoniert und gleichzeitig inmitten dieses leisen und wohltuenden Chaos, das doch in seiner Konstruktion so durchdacht und gelungen erscheint, weiterhin all die Figuren und Materialien auf der Bühne genial leben lässt.

Immer wieder macht sich auch bemerkbar, dass der Großmeister des Materialtheaters, der Ungar Gyula Molner, „Entwicklungshilfe“ geleistet hat, wie es auch das Programmheft verkündet. Und so findet sich fernab aller Belustigung tatsächlich ein wenig Genialität, auch in der stimmigen Leichtigkeit, mit der die drei diesen Abend erarbeitet haben und ganz im Sinne einer Demokratisierung präsentieren, so dass unser Genie – falls vorhanden – nur davon profitieren kann.