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Mit Geistesblitz und “Geistes Gegenwart”

Großes Theater auf kleiner Bühne im Bürgerhaus
erschienen am 21.09.2004 in Ibbenbürener Volkszeitung
von Annette Kleinert

Das war ein Abend, der im Ibbenbürener Publikum noch lange nachklingen wird. Ein kleines, aber äußerst waches Publikum konnte am Freitagabend im Bürgerhaus großes Theater genießen: “Exit – eine Hamletfantasie“ vom Figurentheater Wilde und Vogel beschloss das Figurentheater-Projekt der Regionale 2004 mit einer fulminanten Aufführung.

Shakespeares “Hamlet“ bildete den Ausgangspunkt und die Rahmenhandlung einer eindringlichen Analyse. In der zeitlosen Tragödie von einem, der die Geister nicht loslassen kann und sich von ihnen beherrschen lässt, agierte Schauspieler Michael Vogel mit und in den eindrucksvollen Puppen-Charakteren. Er ist Hamlet und Erzähler, er verkörpert sämtliche noch so widersprüchlichen Charaktere des Stücks und haucht ihnen Leben ein. Licht- und Schatteneffekte, die die graue Kulisse als Projektionswand für übergroß erscheinende Silhouetten nutzten, Mini-Püppchen, die große Shakespeare-Zitate flüstern, Brüllen, Knallen, Schreien und dazwischen aberwitzig-geniale Wortspielereien wie der Hamlet-Dialog mit der Schinkenstulle forderten das Publikum zu höchster Aufmerksamkeit heraus. Einfälle wie die Schauspielszene mit Minibühne à la Muppetshow boten zudem beste Unterhaltung.

Prallvoll mit menschlichem Leben und seiner Textvorlage angemessen tritt der Figurentheater-Hamlet vor sein Publikum. Er ist nicht er selbst, sondern wird beherrscht von Rollen, die er nach Art der klassischen Tragödie mit sich herumträgt: Hamlet ist Sohn und Neffe, Geliebter, Untertan, Rächer und Verschwörer und verzweifelt an jeder einzelnen dieser Facetten. Die Toten bedienen sich seiner Person, um ihre Persönlichkeit auszudrücken und an die Oberfläche zu bringen. Nicht hinterfragte Vorurteile und menschliche Schwächen überdauern den Tod und halten den Lebenden mit ihrer “Geistes Gegenwart“ gefangen. Hass, Wahnsinn und unerfüllte Liebe vergiften Hamlet immer weiter. Doch er allein hat keinen “Exit“, keinen Abgang im Theater, er muss seine Rolle weiterspielen und den Geistern immer weiter zur Verfügung stehen, bis er zum Schluss erkennt: “Lassen wir die Toten ruh’n.“

Die Kulisse ließ alle Spielarten zu, war grau, war nur Hintergrund und bot damit alle Möglichkeiten der Verwandlung. Großartig und umso effektvoller war dagegen die Geräuschkulisse, live produziert von Charlotte Wilde. Mit Sonnenbrille und Zigaretten rauchend saß sie mit E-Gitarre und einem ganzen Arsenal an Kleinstinstrumenten auf der Bühne. Schrille, rockige Klänge, Pfeifen, Knattern und Knarzen untermalten die Textcollagen, gaben den Puppen Leben, ließen die Knochen knacken und die Geister heulen. Musik und Sprache vermischten sich in dieser Geräuschkulisse zu Stammeln, Lispeln, Wimmern, Heulen und Keuchen. Die leisen Töne hatten die größte Wirkung und erinnerten daran, wo Michael Vogel seine Kunst erlernt hat: im berühmten Prager Spejbl und Hurvinek-Theater.