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Mit riesengroßen Flügeln

Uraufführung von "Mrs. Ikarus" im FITZ: Eine vertikale Reise mit dem Stuttgarter Figurentheater Paradox
erschienen am 07.11.2003 in Esslinger Zeitung

Stuttgart – Sie sind Außenseiter auf der Suche nach der Lebenswirklichkeit und sie sind gefallene Helden, die irgendwann nicht mehr zurück konnten: Virginia Woolf, Ikarus und Alfred sterben, weil sie sich zu weit über den Rand der Welt gewagt haben und ins Nichts gestürzt sind. Das Stuttgarter Figurentheater Paradox hat Biographie, Mythologie und Erzählung zu einer fantastischen Bühnencollage verwoben, die jetzt unter großem Beifall im FITZ – Zentrum für Figurentheater uraufgeführt wurde.

Traumschöne Bilder
Figurenspielerin Stephanie Rinke und Regisseur Frank Soehnle spüren in dem abstrakten Stück mit dem Titel „Mrs. Ikarus – Eine vertikale Reise“ mit realistischen Stilmitteln dem Sinn des Daseins und der Endlichkeit nach. Der Traum des Menschen vom Fliegen spielt die zentrale Rolle in den traumschönen Bildern, die an die Mysteriumsmalerei René Magrittes erinnern. Ikarus gerät mit seinen Wachsflügeln zu dicht an die Sonne, verbrennt sie und stürzt ins Meer. Alfred, Titelfigur aus einer Erzählung von Konrad Bayer, nannte sich nur so, obwohl er Robert hieß. Endlich sieht er seinen Lebenstraum erfüllt: er schlägt mit den Armen und kann fliegen. Bei seiner ersten Demonstration fällt er aus dem Fenster und zerschmettert auf der Erde. Die englische Schriftstellerin Virginia Woolf, aus der in Anlehnung an Bayers Alfred Mrs. Ikarus wird, begeht Selbstmord, während ihr geistiges Gleichgewicht gestört gewesen sei, so der Untersuchungsbeamte. Das sind die drei Handlungsstränge, die Soehnle und Rinke mittels Schauspiel, Videoprojektion und Figurenspiel zu einem sinnlichen und unterhaltsamen Theatererlebnis flechten, das aufgrund seiner suggestiven Bilder lange Zeit im Gedächtnis bleibt. Visuell-halluzinatorische Szenen, in denen Sehnsüchte, Ängste, Träume und Vorstellungen Ausdruck finden, ziehen das Publikum eine Stunde lange in ihren Bann. Rinke agiert in einem Kubusgehäuse mit transparenten Vorhängen, die gleichzeitig als Leinwand für stille Videoprojektionen von Himmel und Wasser dienen. Die Zuschauer werden zu Zeugen einer surrealistischen Inszenierung, in der die Spielerin mit ihrem gefilmten Pendant korrespondiert. Der Stein, der Virginia Woolf unter Wasser zog, wird zur Projektionsfläche für den gefilmten Schädel des kahlköpfigen Ikarus, der später als lebensgroße Marionette den zukunftsweisenden Kampf gegen die Schwerkraft aufnimmt (Figuren: Oliver Köhler). Kein Zeichen von Mittelmaß oder Mittelweg, der in der Sittenlehre so viel gepriesen wurde. Stephanie Rinke lässt Ikarus fliegen. Hängt einen langen grauen Mantel an Seilen auf und bewegt diese wie eine gigantische Fadenmarionette. Ein grotesker Tanz der Lüfte beginnt. Der Mantel bekommt ein dynamisches Eigenleben. Dann lodern Flammen über die Leinwand, vor der sie Ikarus auf ihren Schultern fliegen lässt, ehe er an Seilen in die magrittesche Wolkenlandschaft abhebt. Es ist ein turbulentes Vexierspiel für Auge und Ohr. Denn alle Aktionen haben Andreas Schäfer und Sophie Sauter mit einem Klangteppich unterlegt, der diesen Grenzbereich von Fühlen und Denken markiert.

Mit wehenden Fahnen abwärts
Auch Virginia Woolf trieb über die Grenzen dessen hinaus, was man als geistige Normalität bezeichnete. „Ich werde mit fliegenden Fahnen untergehen“, prophezeite sie im Heim für weibliche Gemütskranke. Der bleiche Tod schwebt federleicht über den beiden Grenzgängern. Doch hier steht nicht der Absturz und damit das Scheitern im Vordergrund eines intensiven Abenteuers für alle Sinne. Einer kleinen Ikarus-Marionette wachsen Engelsflügel – für Rinke und Soehnle ein symbolisches Bindeglied zwischen der realen und der ideellen Welt. Ein Absturz ist kein Untergang, sondern der Impuls zum Aufstieg.