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Mondsüchtig und liebestoll

Das Figurentheaterstück "Sommernachtstraum reorganisiert" nach Shakespeare im Fitz
erschienen am 19.02.2005 in Stuttgarter Zeitung
von Julia Schneider

Kalt ist der Mond und seit Jahrtausenden dazu verdammt, im Gravitationsfeld der Erde seine festgelegte Bahn zu ziehen – im Mittelpunkt des Universums steht die Sonne. Beim „Sommernachtstraum -reorganisiert“ im Fitz dreht sich ausnahmsweise alles um den Erdtrabanten. Astrid Griesbach vom Berliner Theater des Lachens hat William Shakespeares „Sommernachtstraum“ rund um den Mond neu inszeniert.

Zwei Männer in Betrachtung des Mondes heißt der Untertitel – und das ist auch die Eröffnungsszene. Die beiden Männer, Christoph Bochdansky aus Wien und Michael Vogel vom Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel, spielen auf einer Bühne, die einem Gemälde von Salvador Dali entsprungen zu sein scheint. Auf orangefarbenem Grund verteilt sich Baumartiges, Schilfartiges, ein graues Etwas, das an einen kriechenden Menschen erinnert, eine herabhängende Weltkugel, darunter ein graues Wählscheibentelefon und im Hintergrund eine riesige blasse Mondsichel auf schwarzem Himmel. Aus diesem Bühnenbild zaubern im Laufe des Abends die beiden Figurenspieler ihre mitspielenden Puppen hervor: Ein Baumstumpf „entpuppt“ sich als Körper des Elfenkönigs Oberon, ein unförmiger Busch als seine zarte, insektengleiche Gemahlin Titania. Begleitet werden Bochdansky und Vogel von Charlotte Wilde, die, auf der Bühne sitzend, mit E-Gitarre und Geige sphärische Klänge und verfremdete Kinder- und Schlaflieder erklingen lässt.

Die nur in einzelnen Szenen nachvollzogene Handlung der shakespeareschen Komödie wird immer wieder durchbrochen von Szenen, die die Flüge der US-amerikanischen Mondraketen vom Typ Apollo zitieren. „Houston, wir haben ein Problem“ und „ein großer Schritt für die Menschheit“ – diese Sätze etwa reizen Vogel und Bochdanksy zu Slapstick und lakonischem Kommentar. Da wird in ein Telefon gesungen, dessen Hörer wie im All schwerelos im Raum hängen bleibt, da werden der Raketenstart und die Schwerelosigkeit pantomimisch nachgeahmt.

Luna und lunacy – Mond und Wahnsinn liegen nicht nur bei Shakespeare nah beieinander. Die Regisseurin Griesbach lässt ihre Figurenspieler mit Fantasie und Realität jonglieren. Grandios komisch die Szene, in der Shakespeares vier junge Liebende bei Mondschein durch den Wald irren. Hermia, Helena, Demetrius und Lysander werden in Griesbachs Inszenierung durch goldene Kugeln dargestellt, die wie wild gewordene Mäuse kreuz und quer über die Bühne zuckeln und, wo immer sie anecken, die Richtung ändern. Während Shakespeare die Beliebigkeit, mit der man sich verliebt, aufs Korn nimmt, ironisieren die Figurenspieler außerdem ihr eigenes Spiel. „Jetzt kommt die schönste Szene, die mit der Liebesblume“, freuen sie sich. Manchmal ein wenig zu ironisch: von den magischen Szenen mit den schwebenden Elfen und dem zürnenden Oberon hätte man sich mehr gewünscht.