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Mondsüchtig

"Sommernachtstraum - reorganisiert" im FITZ! Zentrum für Figurentheater in Stuttgart
erschienen am 01.02.2005 in double, Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater 2/ 2005
von Christoph Lepschy

Ein wunderlicher Raum ist das. Vollgestopft und karg zugleich. Schaumstoffgewächse, Scheinwerfer und binsenartige Sträucher wuchern da, anthropomorphe Geschöpfe aller Art bevölkern die Landschaft. Die Bühne scheint ein Eigenleben zu führen. Es atmet, knistert und singt. Eine Mondphantasie aus der Asservatenkammer. Zwei Herren haben sich hier eingenistet: Merkwürdige Gärtner eines Zauberwaldes, den sie hegend und pflegend durchschreiten, stets auf der Pirsch nach den Bruchstücken eines „Sommernachtstraums“, der einst weit entfernt von hier geträumt wurde. Auf der Suche nach einer Liebe ohne Schwerkraft sind sie auf den Mond geraten. Fast zufällig, so scheint es. Jedenfalls solcherart, wie sie allein Geistern eignet, die hier Elfen heißen.

„Sommernachtstraum – reorganisiert. Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“, eine Koproduktion von Christoph Bochdansky (Wien) und Figurentheater Wilde & Vogel (Stuttgart) mit dem FITZ! Zentrum für Figurentheater in Stuttgart und dem Berliner Theater des Lachens, ist ein starkes Konzentrat von Shakespeares Sommernachtstraum. Regisseurin Astrid Griesbach, ihre beiden Schau- und Puppenspieler Christoph Bochdansky und Michael Vogel und die Musikerin Charlotte Wilde haben vom zahlreichen Personal Shakespeares allein den Puck übrig gelassen, diesen dafür gleich in doppelter Ausführung: Zwei Herren in Straßenanzügen denken über Gott und die Welt nach, also über Shakespeare und die Liebe. Wie, so fragen sie, mag man sich wohl eine Elfe vorstellen? Und dann helfen sie unserem Vorstellungsvermögen wunderbar auf die Sprünge, indem sie in den Kosmos von Masken, Marionetten und kinetischen Objekten eintauchen und ihre Pucks im Liebeszauberwald Verwirrung stiften lassen. Eigentlich haben sie ja eine Mission: Heiraten sollen sie organisieren, Paare zusammenführen: Oberon und Titania, Helena und Demetrius, Hermia und Lysander… Ein Tropfen Blütensaft aus der Wunderblume in den Augen soll die Liebe schaffen. Doch prompt gerät der bzw. die Falsche in den Blick und stürzt die sogleich liebesblinden Paare in grausames Liebesleid. Unversehens gerät die Geschichte auf den Mond, einleuchtender Ort eines Dramas der Anziehungskraft: Vier identische goldene Kugeln sind Helena, Hermia, Lysander und Demetrius und jagen wie sich abstoßende Magneten durch den Raum. „Was ziehst du mich so an, hartherziger Magnet“, heißt es bei Shakespeare. Dergestalt haben Bochdansky und Vogel immer wieder bestechend buchstäbliche Bilder gefunden, die das Zentrum des Stücks berühren: Eine anrührende und verzweifelte Szene der Verwirrung entsteht, als die beiden Pucks die vier wildwütigen Kugeln schließlich in ein Viereck zusammensperren, das keinen Platz mehr zum Ausweichen bietet. Ein wenig streng und dabei sehr beunruhigt knien die Herren vor dem Ergebnis ihrer Tat, lauschen in das Geviert mit den Kugeln und übersetzen sich und uns die unhörbaren Gespräche in Shakespeares Dialoge. Wie aber wieder herausfinden aus Finsternis und Wirrnis? Die Telefonverbindung zur Rückholzentrale in Houston ist gestört, die Heimkehr bereitet Probleme…

Mit präziser Ironie und flirrender Spiellust durchwandern Bochdansky und Vogel mondsüchtig ihre und Shakespeares Bühnenwelt. Auf wunderbare Weise begleitet und geführt werden sie von der Musikerin Charlotte Wilde, die-mit E-Gitarre und Geige ausgerüstet den Soundtrack der Inszenierung liefert und weiträumige Anleihen bei der „Sommernachtstraum“-Musik von Mendelssohn-Bartholdy macht, aber auch Versatzstücke aus der Popmusik verarbeitet. So liefert sie den rhythmisch-atmosphärischen Grund, über den die zwei großen Buben stolpern, die das Staunen nicht verlernt haben. Verträumter Philosoph der eine, begeisterter Ingenieur der andere, Adepten der Doppelbödigkeit beide, öffnen sie eine Welt jenseits des Sichtbaren, einfach weil sie überzeugt sind, dass sie da ist.