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Morbide Wurzeln

Figurentheater buchstabierte den Heimatbegriff neu
erschienen am 18.05.2009 in Schwäbisches Tagblatt

Das Figurentheater Tübingen-Reutlingen nahm am Samstag im franzK mit ihrem Stück HEIMAT.abend den Heimatbegriff aufs Korn, zerlegte ihn in seine Einzelteile und erweckte ihn zu neuem Leben.

Reutlingen. Die Turmuhr schlägt zwölf, die Bühne ist in nächtliche Dunkelheit gehüllt, nur zwei Taschenlampen lassen schemenhafte Umrisse von Gegenständen unter einem Tuch aufflackern. Ein roter Bollenhut, ein Akkordeon, daneben ein erstarrter Mann in bayrischer Tracht. Karin Ersching und Frank Soehnle klauben das Tuch von diesem kitschigen Potpourri der Heimat, befreien es von den Spinnenwe-ben und Staubfäden.

Szenenwechsel. Der Schauspieler Geord Peetz mimt in seinem Monolog einen miesepetrigen Dorfbewohner, dem das unsäg-liche Heimatgetue seiner Mitmenschen gehörig auf die Nerven geht. Er verflucht die „Hirschhornknöpfe, groß wie Totenschädel“, verdammt die Dorfbewohner, die „nur noch auf das Läuten der elektrischen Kegelbahn warten.“

„Heimat – das ist der Tod, da will ich hin. Ankommen aber nie und nimmer“ ist das Credo, welches Soehnle vom Liedermacher Wolf Biermann übernimmt. Mit dem Stück deckt das Schauspieltrio des Figu-rentheaters die morbiden Wurzeln des Heimatbegriffs auf, der stets nach Stillstand zu streben scheint. Doch genauso wie das Leben niemals stillsteht, kann auch Heimat nicht einfach nur sein, sondern nur ständig neu entstehen – das wird an diesem Abend immer wieder deutlich.

Zwischen Bollenhut und Heimatfront

Virtuos und mit filigraner Liebe zum Detail entlarven Soehnle, Ersching und Peetz „Heimat“ als unheimlichen, gar befremdlichen Begriff. Das „ABC der Heimat“ zieht sich als roter Faden durch das Stück. Doch statt öder Durchdeklination von Brauchtum bis Mundart fesseln die Darsteller den Zuschauer mit unerwartet bizarren Eindrücken.

„Darf eigentlich ein Heimatloser in unserem Dorf ein Heimatmuseum besuchen oder braucht er dazu einen Heimatmuse-umsberechtigungsschein“ parodiert Peetz die Rhetorik von politischen Heimatsbewahrern. Nicht zufällig vergaloppiert er sich im nächsten Satz in den brachialen Begriff der „Heimatfront.“

Weiter im Programm geht es mit T wie Tanz. Drei Schwarzwaldpuppen mit Bollenhut stecken je in einem Plastikzylinder und beginnen sich zögerlich zu bewegen. Kommunikationsversuche scheitern an den Wänden aus Kunststoff, die sie voneinander trennen. Wie in Platons Höhlengleichnis bricht eine der drei aus ihrem Gefängnis aus, entpuppt sich und berauscht sich an der plötzlichen Freiheit. Doch die zwei in ihren Kokons verbliebenen können und wollen sie nicht verstehen. Sie bleiben lieber für sich, sie schät-zen die Sicherheit der Konservendose höher als den waghalsigen Sprung in die Freiheit.

K wie Konform. Plötzlich strömen Trachtenpuppen aus allen Ecken und führen ein absonderliches Ballett auf zum altdeutschen Heimatlied „Es ist so schön, Soldat zu sein.“ Im Gleichschritt marschieren sie wie Lemminge hinab in einen Abgrund und verschwinden, wo sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden. „Die Gewohnheit ist eine Wattedecke, sie macht alles hübsch ruhig“ sagt Peetz am Ende des Stücks. „Nur machen manche den Fehler, diese Hübschheit mit wahrer Schönheit zu verwechseln.“