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Mord im Schloss

"Die Besessenen" nach Witold Gombrowicz im Fitz
erschienen am 25.09.2004 in Stuttgarter Zeitung

Wenn Maja auf dem Tennisplatz steht, dann zittert sie wie Espenlaub, schnaubt wie ein Pferd und tobt wie ein Hurrikan. Pffff macht es, wenn sie die Bälle übers Netz schmettert, es sind harte, böse Schläge, die ihr Tennislehrer mit lieber Not erwidert. Nicht Spiel, sondern erbitterter Zweikampf – und als beide erschöpft niedersinken, da weiß Maja, dass dieser Tennislehrer „die gleiche Hartnäckigkeit und Verbissenheit“ besitzt wie sie. Oder ist es eine Obsession? Wahn? Irrsinn? „Die Besessenen“, so überschrieb Witold Gombrowicz seinen Schauerroman, der auf einem geheimnisvollen Schloss in Polen spielt. Als plötzlich eine Leiche daliegt, kommen eigentlich nur Maja oder der Tennislehrer für den Mord in Frage – besessen genug wären sie für eine solche Tat.
Im Zentrum für Figurentheater (Fitz) hatten „Die Besessenen“ nun Premiere in einer Bühnenfassung, die das Figurentheater Paradox und die Werkstattbühne gemeinsam entwickelt haben. Weder herkömmliche Theaterinszenierung – schließlich hat Gombrowicz auch keine traditionellen Erzähltexte geschrieben – noch klassisches Figurentheater, aber auch alles andere als gewöhnliches Sprechtheater. Diese Bühnenfassung versucht sich in der Dekonstruktion. Der Roman wurde in Einzelteile zerlegt, den Rahmen des Abends bildet Gombrowicz‘ Reise nach Argentinien. Der 1904 geborene Sohn eines polnischen Landadeligen stieg 1939 aufs Schiff, wo er vom Zweiten Weltkrieg überrascht wurde, sodass er in Argentinien blieb, wo fast alle seine Werke entstanden.
Ein Schriftsteller an der Schreibmaschine. Er denkt, tippt, spricht. Auf der Bühne werden die Figuren seines Romans lebendig, aber nicht nur das, sie sind auch renitent. Sie reden ihm rein, manchmal betteln sie, dass er ihr Schicksal ändern möge, oder fragen ihn erschüttert: „Darf der das sagen?“ So entsteht ein Spiel auf verschiedenen Ebenen.
Jürgen Larys schaut mal als Gombrowicz dem Treiben zu, dann wieder ist er Teil dieser fragmentarischen Erzählung. Eine Erzählung, die nicht gradlinig vorankommen will, sondern Anreiz ist für ungewöhnliche theatrale Ausdrucksformen. Das Tennismatch zwischen Maja und ihrem Lehrer ist fast stumm; ein originelles, angespanntes Gestikulieren mit minimalen Geräuschen und maximaler Wirkung. Solch einen überzeugenden Krieg auf dem Tennisplatz hat man selten gesehen.
Stephanie Rinke und Uwe-Peter Spinner spielen dieses obsessive Paar, doch es gibt sie auch en miniature als Puppenköpfe. Die schrullige Gesellschaft aus dem Schloss nimmt immer wieder andere Formen an; mal sind es große Puppen mit Gummiköpfen, mal winzige Schädel oder Marionetten. Es gibt viele ungewöhnliche, aufregende Theatermomente, dieser Abend ist ambitioniert und ästhetisch überzeugend, vielschichtig und klug. Als die Schlossbewohner bei Tisch sitzen, geben sie nur rhythmisch Laute und Wortfetzen von sich, begleitet von minimalistischen Klängen der Ziehharmonika.
Das sind Szenen von hoher Qualität, aber leider wurden diese ungewöhnlichen Stilmittel nicht konsequenter genutzt, schippert das Schiff immer wieder in seichten Gewässern, wo auf Kalauer und saloppe Kommentare en passant gesetzt wird, die neben den literarischen Texten banal wirken. Selbstreferenz und Selbstironie haben offenbar noch immer Hochkonjunktur in der Figurentheaterszene, banale Stücke rettet das oft, ein Unternehmen wie „Die Besessenen“ verflacht es eher. Nach zwei Stunden, wie sollte es anders sein, kommt Gombrowicz in Argentinien an. Halt, rufen die Figuren, was ist mit den Schätzen auf dem Schloss, dem Fürsten, dem Mord? Aber der Autor hat die Schreibmaschine schon zusammengeklappt und verschwindet an Land mit der Auflösung dieser geheimnisvollen Geschichte.