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Mr. Sandman

erschienen am 01.01.2015 in Theater der Zeit / 74 / magazin
von Renate Klett

Szenenwechsel: „Faza REM Phase", eine Koproduktion des Leipziger Figurentheaters Wilde & Vogel sowie der Grupa Coincidentia und dem Puppentheater BTL aus Biatystok, schlägt Schneisen durchs Traumdickicht.

Das Figurentheater Wilde & Vogel gehört zu den besten in der Republik. In den 18 Jahren seines Bestehens, zunächst in Stuttgart, seit 2009 in Leipzig, hat es an die drei Dutzend Produktionen und Koproduktionen herausgebracht, bei allen wichtigen Figurentheater-Festivals in Europa gespielt, darüber hinaus von Sibirien bis Indonesien, von den USA bis Afrika und Japan, und hat dabei zahlreiche Preise gewonnen. Durch immer wieder neue Experimente haben sie die Tradition, Ästhetik und Erzählweise des Metiers verändert und, gemeinsam mit anderen Künstlern, Formen und Formate des Marionetten-/Puppen-/Figu-ren-/Objekttheaters auf Augenhöhe mit dem „Menschentheater“ gebracht. Und mit dem Lindenfels Westflügel Leipzig schufen sich die Wildvögel ein formidables Nest, in dem sie proben, spielen und befreundete Gruppen präsentieren können.

Eine langjährige Arbeitsbeziehung verbindet Charlotte Wilde und Michael Vogel mit der Stadt Biatystok im äußersten Osten Polens; sie haben an der dortigen Theaterakademie mehrfach unterrichtet, was dazu führte, dass die Studenten die Kompania Doomsday gründeten. Mit der gab es seither fünf Koproduktionen – die jüngste fand 2014 im Rahmen des Förderprogramms Szenenwechsel des Internationalen Theaterinstituts (ITI) und der Robert Bosch Stiftung statt. Neben den Apokalyptikern, die inzwischen als Grupa Coincidentia firmieren, und den Leipzigern nahmen dieses Mal auch Mitglieder des Biatystoker Puppentheaters BTL teil, in dessen Haus Mitte September die Uraufführung stattfand.

„Faza REM Phase“, dessen Titel sich auf das rapid eye movement der intensiven Traumphase bezieht, ist ein Stück über Träume und was sie anrichten, über den Schlaf der Unvernunft, der sie gebiert, und wissenschaftliche Methoden, sie zu beeinflussen. Hasenbeine und zwielichtige Besucher in der nächtlichen Wohnung, Adolf Hitler mit Fahrradpanne auf der Autobahn und widerborstige Webfäden, die aus Teppichen, Kleidern und Mundhöhlen herausbrechen. Es beginnt programmatisch mit Bob Dylans „Series Of Dreams“, dann folgen Bach und Brahms. Noise-Col lagen und Sphärenklänge. Die Musikerin Charlotte Wilde, live auf der Bühne, erschafft mit Stimmen, selbstgebauten Maschinen und mächtigen E-Gitarrenschlägen den Resonanzraum für ein eigentümliches Labor, in dem sechs Forscherinnen und Forscher an kleinen Pulten sitzen.

Sie kommunizieren auf Englisch, Polnisch, Deutsch oder auch gar nicht. Sie trinken Tee, schreiben Geheimnisvolles, dozieren, diskutieren, spionieren, verfallen in Kollektivschlaf oder singen zusammen. Wasser tropft, Sand rieselt, Puderwolken hängen in der Luft, und manchmal schweben riesige Mücken zwischen den Schlafenden und stechen zu. Eine Irreale Atmosphäre liegt über dem Ganzen, explodiert im Lachen oder Erschrecken; alles Ist ungewiss, unsicher, wie im Traum oder Tod. „Träume lassen sich nicht festhalten“, sagt Michael Vogel. „Im Moment des Aufwachens gehören sie dir noch, aber gleich danach sind sie weg.“ Dieses Schwankende, Verschwimmende übersetzt er in eine Situation ohne innere Schwerkraft, ohne Logik. Die Identitäten wechseln, Vertrautes schaut plötzlich ganz fremd zurück, alles wird Rätsel.

Es geht dabei nie um „Traumtheater“, wie es ja gerade beim Puppenspiel weit verbreitet ist. Hier werden die Träume nicht dargestellt, sondern es wird untersucht, wie sie funktionieren. Statt einer linearen Handlung gibt es viele kleine Szenensplitter, Vexierbilder, die sich nicht zum Mosaik glätten, sondern schroff und unverbunden nebeneinanderstehen. Ob Michat Jarmoszuk in einem rasenden Lauf immer wieder eine Fratze aufsetzt oder wegwirft, ob Pawet Chomczyk mit Tremolo Shakespeare rezitiert oder Dagmara Sowa abwechselnd an einem Traum- und einem Aufweckapparat herumtüftelt, die beide nicht funktionieren – es sind lauter Einzelaktionen, die nichts verbindet außer der Umstand, dass sie auf derselben Bühne stattfinden. Das mag willkürlich scheinen, entspricht aber genau jener vertrackten Traumdramaturgie, die nur im Schlaf Sinn macht. Und vielleicht deshalb ins Vergessen sinkt, wenn er zu Ende ist.

Doch es gibt auch ganz konkrete Szenen, wie die sehr komische vom Sandmann, der Amok läuft (Stefan Wenzel). Oder die Gegenüberstellung von Martin Luther Kings berühmter Rede „I Have A Dream“ und dem Traumvernichter „Dublin III“, wie die europäische Asylverordnung auf Bürokratisch heißt. Das Schöne und Schwierige an diesem Abend ist, dass er sich nicht packen lässt; er ist aus dem Stoff, aus dem die Träume sind, prall gefüllt mit Nebensächlichem, das Wichtigkeit und Bedeutung bekommt, die brüchig werden. Die vielen Details und Verschiebungen, Andeutungen und Aktionen verleihen ihm eine Überfülle, die mitunter hermetisch wirkt. Niemand kann alles im Auge behalten. Aber das macht nichts, denn die Aufführung kennt keine Hierarchien, alles Ist gleich wichtig oder unwichtig. So kann jeder sich seine eigene Assoziationsschneise durchs Traumdickicht schlagen.

„Das REM, die schnelle Augenbewegung, braucht der Zuschauer hier auch im Wachen“, lacht Vogel, und er fügt hinzu; „Ich bin Puppenspieler. Für mich ist immer das Objekt der Fokus, nicht der Text oder die Darsteller. Deshalb hasse ich es, wenn sie anfangen zu schauspielern.“ Er besteht darauf, dass all die Einfälle aus den Improvisationen so leicht und angerissen bleiben wie im „magischen Moment“ ihrer Entstehung. „Es soll ein Stern sein, der aufblitzt, und du malst eine ganze Landschaft“, sagt er zu einem Spieler. Er liebt die Materialien Wasser und Sand, „weil sie an dir haften bleiben, etwas mit dir anstellen“.

„Macht es nicht so schön, macht es hässlich“, fordert der Regisseur die Spieler häufig auf, besonders oft bei der Schlussszene. Da liegt ein mysteriöses Bündel auf dem Boden; es enthält eine Latexpuppe, verheddert in ihre Schnüre. Die Puppe ist ein Monster, eine Schreckensgestalt wie aus Füsslis Albtraumbildern. Vorsichtig wird sie von den Forschern untersucht, entwirrt und dann hinaufgezogen bis in den Schnürboden. Sie lässt Wasser und zappelt.

Es ist ein schönes Bild, aber auch ein unheimliches. Im Kampf mit dem Menschen, so viel wird klar, bleibt die Puppe und das, wofür sie steht, immer der Sieger. Vielleicht ist das Figurentheater einfach deshalb so viel großzügiger, freier, phantasie- und lustvoller, weil es sich seine Objekte selbst baut, also genau so, wie es sie braucht. In Osteuropa hat es ohnehin einen höheren Stellenwert als Im Westen; das BTL etwa hat die Größe eines mittleren Stadttheaters, liegt in einem schönen Park direkt neben dem neuen pompösen Opernhaus. Der Unterschied ist, dass hier die Puppen tanzen, während In der Oper – ein reines Prestigeobjekt – so gut wie nie jemand singt.