Springe zur Navigation

Sturm tobt im Gemüt

Wilde & Vogel spielen
erschienen am 08.11.2007 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Wenn das Gemüt frei ist, so ist der Leib zärtlich“, heißt es bei Shakespeare. Der greise Lear aber hat „Sturm im Gemüt“. Verrückt, verlassen, verstoßen, ohne Orientierung in Zeit und Raum, brüllt ein am Leben Gescheiterter: „Ich will nicht lieben!“ und erfleht nur noch eines: den Tod.

Man muss Shakespeares wohl kompliziertestes Drama nicht in allen Details kennen. Michael Vogels Figurenwelt nimmt den Atem, Charlotte Wilde und Johannes Frisch entwickeln Klang- und Geräuschgespinste, die Schauspieler Frank Schneider (Lear) und Michael Vogel (Narr) überzeugen – gespenstischer und magischer kann die entsetzli­che Tragödie mit theatralischen Mitteln kaum illustriert werden (Regie: Hendrik Mannes). Wahnsinnsfantasien des Geis­tes bekommen Gestalt in apokalyptischen Fabelwesen mit rot glühenden Riesenzungen, rot lackierten, besitzneh­menden Krallen, skurril verbreiterten Mäulern, in zotteligen Maskenwesen und an Fäden hängenden verwirrten Töchter- und Vater-Marionetten. „Kräftig mein Elend tragend, bis dass es sich zu Tode schreit“: Ohnehin blind an Verstand, trifft Lear mit dem Tod Cordelias – bei Vogel ein Filzhaufen -, der einst von ihm verstoßenen Tochter („so jung und so unzärtlich“), der Todesstoß.