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Neue Formate und junge Ideen

Figurentheater Morgen startet in Stuttgart auch auf der Straße das Festival 'Die animierte Stadt'.
erschienen am 29.05.2013 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Adrienne Braun

Kenner wissen es längst: Stuttgart ist eine Hochburg des Figurentheaters. Im Fitz kann man sehen, wie klug und witzig modernes Puppenspiel sein kann, während an der Musikhochschule die Spielerinnen und Spieler von Morgen ausgebildet werden. Katja Spiess ist das nicht genug. ‚Wir wollen das Genre Figurentheater präsenter in der Stadt machen‘, sagt sie, ‚es soll auch außerhalb der Häuser sichtbar sein‘. Deshalb kann es gut sein, dass man in Stuttgart in den nächsten Tagen unerwartet über Figurentheater stolpert – sei es in der Königstraße oder vor dem Wilhelmspalais, an der Staatsgalerie oder auf dem Kleinen Schlossplatz. ‚Wir werden ihnen hinter jeder Straßenecke auflauern‘, so Spiess.

‚Die animierte Stadt‘ nennt sich das Festival, das morgen beginnt und bei dem kreuz und quer in der Stadt ein junges und besonderes Programm geboten wird. Denn der Studiengang Figurentheater und das Fitz haben sich zusammengetan und aus zwei kleinen Festivals ein großes gemacht: ‚Die wo spielen‘, bei dem Studenten ihre Produktionen präsentieren, und Newz, ein Festival, bei dem das Fitz Nachwuchskünstler vorstellt. Bis zum 9. Juni treffen sich nun alle in Stuttgart: Figurenspieler aus Bukarest und Berlin, Paris und Amsterdam und Studierende der wichtigen europäischen Hochschulen. Für die Zuschauer heißt das: mehr als fünfzig Veranstaltungen, zwanzig Aufführungen im öffentlichen Raume – und extrem günstige Eintrittspreise zwischen drei und zehn Euro. ‚Und wer das ganze Programm rauf und runter schauen will‘, sagt Katja Spiess, ‚kriegt das auch hin‘.

Einen offiziellen Anlass gibt es auch: Sowohl das Fitz als auch der Studiengang sind vor dreißig Jahren gegründet worden. ‚Wir wollen aber nach vorne schauen‘, sagt Katja Spiess, ‚denn es gibt viele neue Formate‘. Auch wenn es im Studium Pflicht ist, auch das klassische Puppenspiel zu erlernen, sind viele der Festivalbeiträge weit entfernt von Kasper & Co. ‚Es ist ein starker Einfluss der Popkultur zu erkennen‘, sagt Spiess, die Trennung zwischen E- und U-Kultur sei längst aufgehoben und Film, Comic und Popmusik spielten eine große Rolle. So ist zum Beispiel ‚City of Fear‘ von der Berliner Ernst-Busch-Schule ‚ein Comic-Action-Film im Theater‘, wie Spiess es nennt. Der Spielort ist eine Redaktion, in der seltsame Figuren aus und ein gehen, und Szenen entstehen wie aus einem Film, die aber ohne digitale Unterstützung erzeugt werden. Alles Handarbeit.

‚Die animierte Stadt‘ ist nur möglich, weil das Festival unterstützt wird von dem neuen Innovationsfonds des Landes, der ungewöhnliche Projekte und neue Ideen fördern will. ‚Theater im öffentlichen Raum gab es so noch nicht‘, sagt Katja Spiess, außerdem stehen auf dem Programm auch Projekte, die im normalen Theaterspielplan schwer unterzubringen wären, weil sie noch nicht abendfüllend sind oder ein ‚Abenteuer‘, wie sich ‚Zum T bei N-1‘ nennt. Das ist ein Stück aus Paris, bei dem eine Frau auf der Bühne mathematische Fragen erörtert; für das Gastspiel im Fitz wurde eigens eine deutsche Version erarbeitet. So gibt es in den nächsten Tagen viel zu entdecken – eine ‚Performance in Strumpfhosen‘ oder ein Stück mit kinetischen Automaten aus Amsterdam, eine Forschungsarbeit für Menschen und Objekte oder ein Projekt zum Thema Überwachung. Bis zum 9. Juni ist Stuttgart eine ‚ animierte Stadt‘. Danach, so hofft Katja Spieß, kommt es nicht mehr ganz so häufig vor, dass das dreißigjährige Fitz als auch der Studiengang Figurenspiel immer wieder zu hören bekommen: ‚Ach, wir wussten gar nicht, dass es Sie gibt‘.