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Nichts hält, alles fließt im Spiel mit dem Surrealen

Das Fitz Stuttgart öffnet seine Türen mit der Spielreihe „Solo im Sommer“. Zum Auftakt gibt es Surreales.
erschienen am 29.06.2020 in StZN
von Brigitte Jähnigen

Eine Frau ist allein an einem seltsamen Ort ohne Ausgang. Die Stimme einer unsichtbaren Sprecherin führt den Zuschauer durch eine Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Was zählt, ist die Gegenwart. Und die ist mit ihren Schwarz-Weiß-Bildern visuell betörend schön und zugleich verstörend fragil.

Mit „Room“ startete am Wochenende das Fitz Stuttgart seine Spielreihe „Solo im Sommer“. Die Produktion von Meinhardt & Krauss aus Stuttgart spielt auch mit der Frage: Wie viel Surreales empfinden Menschen in scheinbar realen Situationen?

Sawako Nunotani ist die Frau. Barfuß, gekleidet in ein Gewand mit raffiniertem Faltenwurf, tastet sich die Tänzerin und Figurenspielerin durch reale und visuelle Räume. Fenster und Türen öffnen sich. Will die Frau den Raum verlassen, schließen sie sich abrupt. Landschaften wechseln, das Meer wird zu Wald, ein Getreidefeld zur Gebirgswiese.

Rettungslos in seinen Erklärungsversuchen verloren ist der Zuschauer, wenn ein loses Blatt über dem Tisch schwebt und die Spielerin ihren Kopf in Wasser senkt, das der Beamer auf der Tischfläche entstehen lässt. Dann stürzt ein Glas. Aus dem amorphen Fleck wächst ein See, aus dem die Frau eine Puppe birgt. Ausgestattet mit überlangen, skelettartigen Armen und Beinen, wird die Figur in all der Zurückgeworfenheit der Protagonistin auf sich selbst zum inneren Kind der Spielerin. Am Kopf geführt, tanzt die Figur, ruht auf dem Fußboden, fügt sich in das illusionäre Geschehen. Das zarte Wesen geht, so wie es gekommen ist. Wände verschieben sich vertikal und horizontal. Nichts hält, alles fließt. Seltsam ruhig bleibt die Frau. Kein Ton, kein Schrei. Ihre Rolle ist die eines Menschen, der suchend die Situation verstehen will. Allein die Sprecherin stellt die Fragen: Ist die Frau verrückt, befindet sie sich im Jenseits, wurde das Zimmer von der Welt vergessen, auf dem Meeresgrund versenkt? Unaufdringlich begleiten Piano, Cello und Percussion das Zusammenfließen von realem Spiel und visuellem Geschehen. Mit einem schaurigen Geräusch kommt das Finale. Das Kleid der Frau, die Mauern des Raums brechen. Schwarze Flecken verschlingen, was der Zuschauer sah.