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Nieder mit der Vroni!

"Terror im Idyll" - eine Kitschzerstöranleitung vom Theater des Lachens
erschienen am 16.02.2004 in Berliner Zeitung

Es geht um Ludwig Ganghofers Bergweltromane, worin das Gute an seiner Schönheit, Gesundheit und an seiner Stärke zu erkennen ist, das Schlechte also an seiner hässlichen schwächlichen Missgestalt. Da weiß man gleich, was dem Happyend, also einer Hochzeit und der damit verbundenen Keimlegung eines gesunden, hochnatürlichen Menschenstammes im Weg steht, was also zu tilgen ist: Die schiefwüchsigen Rand-Kreaturen. Solche hat Ganghofer in seine Muster-Idyllen eingestreut, um eine Reserve zu lassen, ein Mäkelchen zum Wegputzen. (Wie in Wischwasserzusatzwerbungen, wo saubere Küchen glanzeffektvoll entkeimt werden.) Doch: „Der Berg rutscht!“

Die Regisseurin Astrid Griesbach, mit ihrer Lust am Gewimmel und am Außerordentlichen, wirft sich selbstverständlich auf die Seite der in Nebensätzen zu Dramaturgiezwecken Gemeuchelten und schickt sie auf den Rachefeldzug gegen die Vollfiguren, die sich schleimigst dem Lesepublikum (Ganghofers uvre erschien in 30 Millionen Exemplaren) zur Identifikation anempfehlen: gegen die Vroni, die Zäzil, den Daxen-Schorsch und den Purtscheller zum Beispiel.

Wir geben zu, dass wir nicht restlos verstanden haben, welche von den heiltriebigen Lackmasken (allemannische Fastnacht) nun auf welche scharf ist, und was für eine Konstellation letztendlich angestrebt wird, aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig – Hauptsache, es geht schief: Die Vroni kommt beim Gipfelbussi ist Rutschen und zerhackt sich das Genick am Grund einer Gletscherspalte. Und als der Papi mit dem Buben spielt, da fragt er die Mami noch, ob sie die Patronen aus der Büchse genommen hat, wartet aber nicht auf die Antwort, die, wie sich herausstellt, aus einer Verneinung bestanden hätte: Dem Hüttchen platzt das Dach weg. Was immer mit seinen Bewohnern passiert ist, es dürfte etwas Gründliches zum Selberausmalen gewesen sein.

Annette Scheibler und Hartmut Liebsch – jene beiden Spieler, die mit Griesbachs „Lear“ schon viel Freude bereiteten – verkörpern in „Terror im Idyll“ zwei pferdegebissige Fehlfiguren, die sich selbstständig machen, statt sich ihrem Ganghofer-gewollten Schicksal zu ergeben. Sie halten gegen, stellen eine schönstmögliche Idylle nach ihrem Geschmack, mit ihren Mitteln her, um sie genüsslich zu vernichten:

Sie: „Sag mal glitzern.“ Er (mit Gebiss): „Glipfern.“ Sie: „Sag s mal so leise, dass ich die Spuckefäden zwischen deinen Zähnen reißen höre.“ Er tut es. Beide lächeln friedlich.