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Ohrfeigen und selbstständige Rasseln

Figurentheater Im Fitz macht die Gruppe K aus William Shakespeares 'Macbeth' ein Fitness-Workout.
erschienen am 06.02.2015 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Das soll das Nachlager des Königs sein? Diese rostige Metallkiste? Der König zwängt sich in den viel zu kleinen Unterschlupf. Deckel zu – und kaum schläft der Mann, bohren seine Widersacher ein langes Schwert durch die Kiste. Doch Wunder, oh Wunder, der König überlebt zumindest diesen Streich – so, wie es sich für eine Zaubershow gehört. Dabei geht es eigentlich um Shakespeare und seine blutrünstige Tragödie ‚Macbeth‘. Die Gruppe K serviert bei ihrer Produktion ‚Macbeth – I can dance my Name‘ allerdings kaum Shakespeare, dafür aber viele Ideen und Tricks aus der Zauberkiste.

Hinter der Gruppe K, einem 2009 gegründeten Figurentheaterkollektiv, stecken Katharina Muschiol, Maik Evers und Stefan Wenzel. Sie haben an der Stuttgarter Musikhochschule Figurenspiel studiert und ‚Macbeth – I can dance my Name‘ ist ihre dritte Produktion. Im Fitz hatte ihre eigenwillige Shakespeare-Interpretation nun Premiere im Rahmen der Reihe ‚Heroes Shakespearoes‘ – und auf der Bühne des Figurentheaters wird viel gehüpft, getanzt, geschwitzt. Dieser ‚Macbeth‘ ist auch eine Art Fitness-Workout, für das die drei Bewegungen erfunden haben zwischen Modern Dance und Sport: ‚Die Arme nach oben, die Arme nach unten. Und Stepp!‘.

Shakespeares Drama handelt vom Aufstieg des Macbeth, der vom Heerführer zum König von Schottland wird. Doch die drei Figurenspieler wollen die Tragödie nicht nacherzählen, sondern haben sich von einzelnen Momenten inspirieren lassen zu einer freien Szenenfolge. Hier taucht Banquo auf, dort Lennox oder Macduff – aber es geht allein um das Spiel auf der Bühne, um die Lust an den eigenen Ideen. So wird begleitet von Musik, Geräuschen, Rauschen, Klopfen rhythmisch gehüpft oder getänzelt, und so erproben die Akteure wie im Kreativitätsseminar, was ihnen zu diesem Stoff einfällt.

Immer wieder kommen Figuren zum Einsatz. Kleine Stoffpüppchen werden wie Feinde gequält, getreten und über die Bühne geschleudert, bis ihnen der blutrote Sand aus dem Leib rieselt. Flache Blechfigürchen rasseln mit den Degen und schlagen sich die Köpfe ab. Selbst Putzlappen werden zu Figuren und herumgeschleudert – ‚Wer ist der Mann voll Blut?‘ Bei diesem assoziativen Umgang mit Materialien werden aber vor allem die eigenen Körper genutzt. So tippt Katharina Muschiol auf dem Oberkörper von Maik Evers wie auf einer Schreibmaschine – und statt der neuen Zeile gibt’s jedes Mal eine Ohrfeige für ihn.

Mal dient ein großer Teppich als purpurne Königsrobe, mal beschnüffeln sich die Akteure wie Hunde, dann wieder scheint sich eine Rassel zu verselbstständigen und zerrt den hilflosen Spieler über die Bühne. Manches ist amüsant, einiges interessant, aber schauspielerisch sind die drei nicht allzu stark, jeder Schritt, jeder Blick, jede Wendung des Kopfes wurde präzise einstudiert, vielleicht etwas zu lehrbuchhaft korrekt.

Das Trio aus der Stuttgarter Figurentheaterschmiede ist unübersehbar um Originalität und eine eigene Handschrift bemüht, inhaltlich hat die Inszenierung von Nis Søgaard aber große Schwächen. Denn die Geschichte lässt sich bestenfalls noch erahnen, von Shakespeare sind nicht mehr als einige Zitatfragmente geblieben, die sich kaum mehr in einen verständlichen Zusammenhang bringen lassen. ‚Du wärst gern groß, Du hast das Ding dazu, doch fehlt Gemeinheit‘, heißt es mal oder ‚Da wo Schwalben leben, lebt der Frieden auch‘. Mehr nicht.

‚Ich flehe euch an, wenn ihr die Antwort wisst, dann gebt sie mir‘, wird einmal ins Publikum gefragt, das allerdings nicht einmal erfährt, worauf es eine Antwort geben soll. Zum Schluss sagt Macbeth: ‚Kein Mann, von einer Frau geboren, kann mich töten‘. Er wähnt sich in Sicherheit, doch im Original mordet ihn einer, der per Kaiserschnitt auf die Welt kam. Im Fitz heißt es dagegen: ‚Ich bin kein Mann, der von einer Frau geboren wurde. Ich bin einen Frau.‘