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Panoptikum bizarrer Charaktere

Samira Lehmanns und Stefan Wenzels Figurentheater „Zaches" gerät aberwitzig, offenbart aber auch Schwächen
erschienen am 17.10.2015 in Leipziger Volkszeitung
von Jenifer Hochhaus

Er ist ein kleines Wechselbalg; der Kopf kaum größer als ein Tischtennisball, dem Mund entspringt kaum mehr als ein Röcheln. Doch dank eines Zaubers wird dieser Junge später zu einem erfolgreichen Mann: Alles, was ein anderer in seiner Nähe denkt oder tut, wird ihm zugeschrieben – so will es eine Fee. Natürlich endet dies, wie einst im Märchen von E.T.A. Hoffmann, auch in der freien Adaption von Samira Lehmann und Stefan Wenzel nicht gut für den kleinen Kerl.

In ihrer Figurentheater-Inszenierung „Zaches“, die Donnerstagabend im Lindenfels Westflügel Premiere hatte, erzählen sie die Geschichte allerdings in vielen Momenten hochkomisch. Wie schon bei der Inszenierung vom Freischütz, die mit dem Leipziger Bewegungskunstpreis ausgezeichnet wurde, gehen die beiden Puppenspieler gemeinsam mit Regisseur Michael Vogel in eine aberwitzige Richtung.

Dafür sorgt vor allem das Panoptikum eigenwilliger Charaktere, die Lehmann und Wenzel selbst geben oder mit ausgefallenen Figuren zum Leben erwecken. Ganz wunderbar exzentrisch spielt Wenzel zum Beispiel Zaches‘ Schwiegervater, erzeugt hinter einer Halbgesichtsmaske allein mit Mund, Zunge und Sprache eine unvergleichliche Figur. Zurecht gibt es auch Zwischenapplaus für die gemeinsame musikalisch-theatralische Einlage vom Schlagerhit „Liebe ohne Leiden“, die sie mit einer gekonnten Portion Ironie verwursten. Und ebenso komisch ist Lehmanns Spiel mit der Zaches-Puppe, die sie liebestoll anfällt und nicht mehr von ihr loslassen will.

Das Agieren mit den unterschiedlichen Marionetten, Stock- und Handpuppen ist nicht nur an dieser Stelle wunderbar, sondern stellt neben dem Reichtum an bizarren Ideen und Eigenheiten die Stärke der Inszenierung dar. Auch das Spiel mit der zweiten Ebene, wenn die Puppenspieler aus ihren Rollen hüpfen und sich selbst inszenieren, überzeugt. So ächzt Wenzel nach einem unbarmherzig-lauten Ritt als von Schmerzen geplagter Puppenspieler – ein kleiner Einfall, der große Lacher hervorruft.

Allerdings hat das Stück auch seine Längen: So wird dem Zuschauer zugemutet, sich gefühlt minutenlang anzusehen, wie die beiden die Bühne aufräumen – als eine Form der Aufklärung, wohlgemerkt. Leider reicht es in diesem Moment nicht, dass sich Lehmann witzigerweise einfach alles in die Hose stopft, um die Spannung aufrechtzuhalten. Ebenso langanmutend gerät das Zählen der Knöpfe am Orden, der Zaches verliehen wird. Und danach muss man sich schon sehr konzentrieren, um dem Fortgang der Geschichte noch zu folgen. Wer das Märchen kennt, ist jetzt klar im Vorteil und kann sich weiterhin über die skurrilen Figuren freuen.