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Panoptikum des Grauens

Figurentheater Wilde und Vogel spielen „Songs for Alice" im Stuttgarter Fitz.
erschienen am 05.11.2011 in Stuttgarter Zeitung
von Markus Dippold

Natürlich kann man die beiden „Alice“-Romane des Engländers Lewis Carroll für harmlose Kinderbücher halten. Oder man sieht in ihnen diabolische Figuren und albtraumhafte Szenarien. So hält es das Leipziger Figurentheater-Duo Wilde & Vogel, dessen jüngste Produktion „Songs for Alice“ jetzt im Stuttgarter Fitz Premiere hatte. Die Gedichte aus den beiden Romanen haben Wilde & Vogel mit dem Regisseur Hendrik Mannes zu einem fantastisch-düsteren Neunzig-Minu- ten-Reigen umgeformt. Das weiße Kaninchen ist hier ein fies starrender Zeitgenosse, während die Grinsekatze gar nicht mehr aufhören kann, sich zu winden und dabei unaufhörlich zu schnurren. Aber harmlos sind diese Gestalten nicht.

Mit heiserer Stimme befiehlt das aggressive Kaninchen immer eindringlicher „iss den Pilz!“ Oft werden die Figuren von balladen- oder volksliedhaften Melodien angekündigt. Wie immer bei Wilde & Vogel gehen Spiel und Musik in eins. Gitarren-Patterns und Melodiefragmente in hoher Geigenlage (Charlotte Wilde) werden diesmal grundiert von geräuschhaften Kontrabass- Tönen (Johannes Frisch). Ein rosa Hut, ein graues Damenkleid der viktorianischen Zeit und immer wieder die fratzenhaft verzerrten Masken verselbstständigen sich zu einem Panoptikum des Grauens und des Lachens. Denn die Körperbeherrschung und das kunstvolle Spiel von Michael Vogel produzieren slapstickhafte Momente, hinter denen ein düsterer Abgrund lauert.