Springe zur Navigation

Perfekte Illusionen auf der Fitz-Bühne

erschienen am 01.01.1970 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Perfekte Illusionen auf der Fitz-Bühne

Vorweihnachtszeit ist Unruhezeit, das Theater ein Refugium für verwirrte Kinder und überforderte Eltern. Wenn Melanie Florschütz und Michael Döhnert ein weißes, wild gewordenes und höchst akrobatisches Stoffkaninchen aus den Hosentaschen zaubern, es in einem Häuschen wohnen und auf dem Hochseil balancieren lassen, entstehen wunderschöne Traum-Momente. „Ssst“ – so der Titel des Stücks -, raunt das Künstlerpaar, die Figur wiegt sich im Walzertakt und wirkt lebendiger als jedes Kaninchen im Zoo.

Von Neid und Missgunst berichtet Figurenspielerin Kristina Feix und spricht mit ihrer Inszenierung „Drei Erdbeeren im Schnee“ frei nach einem Märchen der Gebrüder Grimm Kinder ab vier Jahren an. Weiße Papierschnitzel zaubern winterliche Stimmung, eine alte Spieluhr gibt den Takt des ruhigen Erzählflusses vor. In der Patchworkfamilie – kleine, von Hand geführte Figuren – wird die Tochter der neuen Frau bevorzugt, die Tochter des Mannes schikaniert. Erdbeeren im Winter soll sie suchen – für ein Kind zu Grimms Zeiten ein Riesenproblem. Dem vor Kälte bibbernden Figürchen schlägt alle Empathie entgegen. Und als es durch ein Wunder tatsächlich Erdbeeren unter dem Schnee hervorkratzt, ruft ein Mädchen in der zweiten Reihe: „Die möcht‘ ich essen!“ Am Ende geht alles gut aus. Ein Zuschauerkind nimmt eine Papier-Schneeflocke mit nach Hause. Was für ein Geschenk! (bj)