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Physik und Poesie

Eine wunderbare Premiere am Stuttgarter Fitz: „Wunderkammer Betrachtungen über das Staunen"
erschienen am 20.11.2013 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Wer hat hier die Fäden in der Hand? Die Figurenspieler oder die Marionetten? Im Lauf der gut 60 Minuten scheinen die skurrilen Figuren ein vollkommene s Eigenleben zu entwickeln. Als ein kleines Pelzmonster mit Basedow’schen Augen und Scherenhänden schließlich die eigenen Fäden durchschneidet, zuckt der Spieler wie unter Schmerzen mit den Fingern zurück. Diese kleine Episode zeigt deutlich die Symbiose zwischen den Marionetten und denen, die ihnen Leben einhauchen. Das machen die Figurenspieler Alice Therese Gottschalk, Raphael Miirle und Frank Soehnle meisterhaft. Schließlich waren alle drei Schüler des Stuttgarter Marionettenvirtuosen Albrecht Roser. Nun zeigen sie am Fitz ihr neuestes Stück mit dem Titel „Wunderkammer“ und dem Zusatz „Betrachtungen über das Staunen“.

Aus dem Staunen kommen die Zuschauer kaum heraus. Zu sehr verblüffen diese fantastischen Geschöpfe, die alle Möglichkeiten des Theaters am Faden ausschöpfen. Nur von harmonischen Klangmustern begleitet, kommt das Stück ganz ohne Sprache aus und wird doch keine Sekunde langweilig. Mal ist es lustig, mal grotesk, mal melancholisch, was die Fadenwesen, nur spärlich-stimmungsvoll beleuchtet, durch Bewegung vermitteln. Im Halbdunkel schweben zwei magische Goldhände körperlos über der Spielerin, umgarnen sie und necken sie. In der nächsten Szene fressen transparente Wassergestalten aus dem Aquarium schillernde Seifenblasen, die, von Taschenlampen beleuchtet, in Spektralfarben schillern. Es geht um Bewegung und Rhythmus, wenn die Wirbelsäule am Faden mit einem Boot tanzt und später im Pas de deux mit Alice Therese Gottschalk die Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Figur verdeutlicht: Beide haben ein Rückgrat: die Spielerin wie eine Schleppe am Rock, die Marionette besteht praktisch nur aus stilisierten Wirbelteilen. Es sind solch charmante, witzige und teils ironische Zitate, die die Zuschauer immer wieder zum Lachen bringen. Für diese atmosphärisch dichten Abhandlungen von Materie und Energie in Raum und Zeit gibt’s begeisterten Szenenapplaus.

Eine kuriose Performance liefert die Doppelkopf-Figur vor einer monochromen Yves-Klein-blauen Leinwand. Dabei faszinieren die ästhetischen Tanzbewegungen ebenso wie die tanzenden Schattenbilder, die an einen Urzeitvogel erinnern. Mit der Nummer wäre die einfache braune Figur mit gelben Schnittlauchlocken der Star in jedem Variété: Sie klettert und zappelt, klammert und schwingt von Arm zu Arm der Spieler wie ein Kunstturner am Reck. Ein ätherischer weißer Flatter-Magier orgelt mit verkrüppelten Flügelchen durch die Lüfte, von sphärischen Klängen befeuert. Zwei Figuren bilden zugleich ihre eigenen Instrumente. Eine alte Wärmeflasche aus Metall dient als Bauch für Herrn Kontrabass, der sich selbst mit Bogen musikalische Töne entlockt. Der verbeulte Blechtopf zupft sich die gespannten Saiten wie eine Gitarre. Zu diesen schrillen Klängen schwingt die Haremsdame ihren Gugelhupfbauch so sinnlich im Rhythmus, dass die kleinen Napfkuchenformen auf Brusthöhe vor Freude nur so wippen.

Diese Verbindung von Humor, Akrobatik und fast wissenschaftlich akribischer Untersuchung von Bewegungen macht auch den bezwingenden Charme der „Wunderkammer“ aus. Man vergisst völlig, dass die Marionetten buchstäblich am seidenen Faden hängen, so fließend werden die einzelnen Glieder geführt. Diese bezaubernde Sammlung künstlerischer Aktionen ist tatsächlich ein Raritätenkabinett, in dem Figur und Spieler zu einer Einheit verschmelzen ganz im Sinne des Ursprungsgedankens einstiger Wunder oder Kunstkammern, ganz unterschiedliche Objekte gemeinsam in einer Sammlung präsentierten.