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Poetisches Schattenspiel

erschienen am 21.06.2008 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Wonderfool Theater spielt „Bruder" nach Ted van Lieshouts Jugendroman im Stuttgarter Fitz

Stuttgart – „Wirst du gut sorgen für die Brüder, die wir waren? Dann sorge ich für die Brüder, die wir sind.“ Mit dieser Frage und dem Versprechen des 17-jährigen Luuk an den zwei Jahre jüngeren, verstorbenen Marius, endet der Jugendroman „Bruder“. Der niederländische Autor Ted van Lieshout wurde für das sprachlich sensible Meisterwerk 1999 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Christian Glötzner vom Tübinger wonderfool Theater hat gemeinsam mit Regisseur Enno Po-dehl aus dem berührenden Roman eine poetisch-dichte Bühnenfassung erarbeitet, die derzeit im Stuttgarter Fitz zu sehen ist.
Glötzner agiert ausschließlich mit Licht und Papier auf einer ganz in schwarzer Folie ausgelegten Bühne (Sabine Ebner). Zur coolen Loungemusik von Stefan Mertin erzählt er mit viel Körpereinsatz die Geschichte der beiden vermeintlich ungleichen Brüder Luuk und Marius. Erst als der jüngere tot ist und die Mutter ein halbes Jahr später dessen Sachen in einem großen Feuer verbrennen möchte, liest Luuk sein Tagebuch und führt es weiter – ein Rettungsversuch. Die Mutter nimmt auf ihre Weise Abschied, er möchte etwas von Marius behalten, um herauszufinden, was ein Bruder ohne Bruder eigentlich ist.

Geheimnis Homosexualität

Das Tagebuch offenbart, was stets ein Geheimnis zwischen den charakterlich so verschiedenen Brüdern war: Homosexualität. Nur mit dem Unterschied, dass Marius von der Neigung seines Bruders wusste. Luuk versuchte, sein Schwulsein zu verbergen, Marius lebte es mit Freund Axel aus. Als Luuk liest, dass sein Bruder Bescheid wusste, beginnt er eine Zwiesprache und nähert sich ihm posthum an. Glötzner lässt quasi im Zeitraffer die Geschichte Revue passieren. Wer den Inhalt des Romans nicht kennt, hat’s schwer, auf die richtige Spur zu kommen. Man erfährt zwar ansatzweise von der Krankheit des Jungen, der Zuneigung zum gleichen Geschlecht und den brüderlichen Rivalitäten, das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der visuellen Umsetzung, die dem wonderfool Theater auf sehr ästhetische Weise gelungen ist. Der Performer arbeitet mit Tageslichtprojektion, wirft Landkarten und Schattenspiele an die Wand. Er schneidet aus Papierbahnen, die von der Decke hängen, Öffnungen und erweckt sie mit seinem eigenen Körper zum Leben. Er füllt die leere Hülle – eine Jacke, auf der „Marius“ steht -, indem er selbst hineinsteigt1, wie in eine Rüstung. Als Luuk umhüllt er sich mit dem, was Marius ausgemacht hat. Zwei Papierportraits umgarnen sich schaukelnd in einer Wasserschale. Per Tageslichtprojektor übergroß an die Wand geworfen hat dieser „Tanz“ einen besonderen Reiz und drückt ohne Worte die zarte Annäherung zweier Jungen aus.

Zu abstrakte Perfektion
Mit Bewegung und Gesang versucht Glötzner, sich den Themen Tod und Coming Out zu nähern – und scheitert doch an manchen Ansprüchen. Er verliert den Blick für das Bitter-Süße im Roman, für die Empathie, für das Menschliche. Das Spiel wirkt bei aller Perfektion zu abstrakt. Nichts ist traurig, die Geschichte lässt den Zuschauer seltsam unberührt. Man kann nicht mitfühlen. Ganz am Ende, als sich Luuk seinen Eltern anvertraut, springt ein Funke von dem feinperligen Humor über, der das Buch so unwiderstehlich macht. Luuk hat eine gute und eine schlechte Nachricht für seine Mutter. Die gute ist, dass er nicht krank ist. Die schlecht: dass er nicht mit Mädchen ausgehen wird. „Ich bevorzuge Jungs.“