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Puppen, die bessren Schauspieler

Kleists Traktat »Über das Marionettentheater« im FITZ
erschienen am 01.06.2011 in Kultur
von Markus Dippold

Gezupfte Geigentöne, dazu lyrische Worte über Nachtigallen, Frühlingserwachen, Kunst und Schönheit. Schon ist man mittendrin in einer literaturtheoretischen Abhandlung. »Über das Marionettentheater« hat Heinrich von Kleist seinen 1801 entstandenen Essay über Ästhetik auf den Theaterbühnen genannt. Zentrale Frage dabei ist, ob eine Marionette, also eine leblose Puppe, oder ein lebendiger Schauspieler die größere Kunstfertigkeit aufweist. Dass man aus diesem scheinbar trockenen Inhalt einen spannenden, sinnlichen, berührenden Theaterabend gestalten kann, haben im FITZ die Puppenspieler Alice Therese Böhm, Torsten Gesser und Björn Langhans eindrucksvoll bewiesen. Das beginnt schon in den ersten Sekunden, wenn – getaucht in fröhlich gelbes Licht – Papierbögen in der Luft tanzen, Vorboten graziöser Bewegung, die Kleist am Beginn seiner Abhandlung schildert. Getragen von swingenden Streichquartett-Tönen beginnt ein graziler Pas de deux zweier Puppen. Fliegende Extremitäten: es geht um den »Schwerpunkt« der Figuren, hier das zweite Thema Kleists. Folgerichtig erscheint eine Figur mit kugelrundem Bauch; steinerne Würfel, an Seilen hängend, figurieren als Demonstrationsobjekte, die in Pendel- und Kreisbewegung miteinander »tanzen«, sich gegenseitig verfolgen und jagen. Kurz, die Puppenspieler übersetzen Kleists Gedanken in die Praxis; zeigen, wie viel Bewegung, Anmut und Eleganz in den Dingen steckt. Das gilt auch für groteske Wesen mit viel zu großem Kopf und Riesenhänden, die sich synchron bewegen, zu Südamerikanischer Musik eine flotte Sohle aufs Parkett legen, denn – so Kleist, der hier im O-Ton zu Wort kommt – hinter aller Mechanik steckt Mystik, ein höheres Prinzip. Damit bereiten Kleist und seine Interpreten einen neuen Gedankengang vor, wieder eingeleitet von unterhaltsamer Musik: Auch künstliche Körper haben eine Seele.

Im zweiten Akt führen Böhm, Gesser und Langhans atemraubende Kabinettstückchen vor. So verschmilzt etwa Alice Therese Böhms, gehüllt in Schwarz, mit dem Kopf und den Armen einer Figur: Daraus entsteht ein neuer, menschlich-künstlicher Körper, der seinerseits über Ebenmaß, Beweglichkeit und Leichtigkeit verfügt. Und schon tritt eine graue Maske in Erscheinung, gefolgt von zwei aufgedrehten Klatschmäulern – Arroganz und Narzissmus bekommen ein Gesicht.

Die Quintessenz der Botschaft der Puppenspieler und ihres Regisseurs Frank Soehnle: Hinter allem stehen Erkenntnis und Bewusstsein, die nach Kleist göttlicher Natur sind. Dabei beruft er sich auf den »Dornaus- zieher«, eine berühmte Plastik, die als Inbegriff der Kunstschönheit galt und damit als Repräsentation einer göttlichen Idee. Dafür schlüpft Björn Langhans in die »Rolle« der anmutigen Statue, während eine Figur mit großer Feder zeitgleich den rezitierten Text aufschreibt.

Ein letzter Pas de deux, diesmal in grazilem Ballettstil auf Spitze getanzt, symbolisiert die reinste, die schönste Ästhetik; denn für Kleist steckt in einer scheinbar unbelebten Puppe die größte Erkenntnis, das größte Bewusstsein – Gott. Damit ist für den melancholischen Schriftsteller die Argumentation am Ende. Der Gliedermann ist dem Menschen zu jeder Zeit überlegen, die Marionette der bessere, weil auf höherer Bewusstseinsebene handelnde Schauspieler.

In dieser handwerklich und sinnlich faszinierenden Produktion bekommt man davon eine Ahnung. Die Puppen sind fantasievoll gestaltet, stecken mal in Rock und Kostüm des frühen 19. Jahrhunderts (Ausstattung: Alice Therese Böhm, Frank Soehnle), sind mal nur eine Maske aus Pappmachee, dann wieder ein scheinbar roher Holzkorpus. Doch die drei Darsteller führen sie mit so großer Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit, dass sich Anmut und Grazie ganz von selbst einstellen. Mal ist es ein Spagat, dann wieder eine elegante Bewegung der Hände oder auch mal eine tänzelnde Bewegung auf einer Linie, abwechselnd auf Spitze und Ferse, die das vielfach vorführt. Dazu kommt ein perfektes Gespür für dramaturgische Spannungsabläufe. Schon ist der Zuschauer um eine Erkenntnis reicher.