Springe zur Navigation

Quakende Sofakissen und spielende Blumen

"Dornröschen, Dornröschen, Dornröschen" heißt das neue Stück von Anne-Kathrin Klatt im Fitz
erschienen am 05.10.2006 in Stuttgarter Zeitung
von Annika Müller

Was quakt denn da so unaufhörlich? Es ist das Sofakissen, das zum Frosch wird, um dann die Geschichte von Dornröschen zu erzählen. Eine sehr eigenwillige Geschichte, die auch die kindliche Trotzphase des ver wöhnten Prinzesschen oder ihre pubertären Spinnereien nicht auslässt. In „Dornröschen, Dornröschen, Dornröschen“, das jetzt im Figurentheater Fitz Premiere hatte und sich an Kinder ab sechs Jahren richtet, wurde aber das Märchen nicht neu erfunden. Noch immer wünschen die Feen zur Taufe Schönheit und Anmut und lässt ein Fluch das Königskind zu seinem 15. Geburtstag in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Bevor es allerdings dazu kommt, lassen der Regisseur Michael Miensopust und die Figurenspielerin Anne-Kathrin Klatt Dornröschen so einiges erleben. Zunächst von der überfürsorglichen Mutter nicht aus den Au gen gelassen, wird sie sich bald zu einer ganz unausstehlichen Göre entwickeln, nach deren Pfeife das ganze Schloss tanzen muss. Lediglich Christian Eremia, der mit seiner Gitarre für die Livemusik sorgt, verweigert sich ihren Launen und liest stoisch die „Zeit“. Aus der heutigen Lebenswelt gegriffen sind auch die Spielsachen des kleinen und die Backfischträume des etwas größeren Dornröschens – die vielleicht nicht jedes Kind versteht, die dafür aber bei den Erwachsenen für Erheiterung sorgen. Selbst Barbiepuppen und Bravolektüre sind Bestandteil des modernen Prinzessinnenlebens.

Wirklich außergewöhnlich wird die Fitz-Version des Märchens aber erst durch die rasanten Rollenwechsel und witzigen Stimmimitationen Klatts, die mal kleines Kind, mal Königsvater ist. Vor das Gesicht gehaltene Fotografien aus einem Glamourmagazin lassen sie zu Marilyn Monroe, Elvis Presley oder auch Kleopatra werden. Die Bandbreite der Körpersprache Klatts kennt dabei keine Gren zen. Verblüffend und poetisch ist auch ihr Spiel mit Objekten, die sie zum Leben erweckt und zu Figuren des Stücks werden lässt. Aus herumliegenden Gegenständen werden Personen; die Rose, die als Motiv vielfältig eingesetzt wird, verwandelt sich in das Königskind, der Rosenstrauß in eine alte Frau. Anders als in vorherigen Stücken lässt Klatt nur eine einzige, sehr sehr kleine Puppe auftreten: den Schlaf, der Dornröschen während des hundertjährigen Wartens auf das Erwachen die Zeit vertreibt.

Auf die Frage, warum sie Figurentheater mache, sagte Klatt einmal: „Weil dort Menschen fliegen können, Schweine Chefs und Servietten Schwäne sind.“ In „Dornröschen, Dornröschen, Dornröschen“ gibt es zwar keine fliegenden Menschen, aber spielende Blumen, ein quakendes Kissen und eine erfrischend vielseitige Anne-Kathrin Klatt.