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Reise nach Fantasia

Figurentheater Cie. Freaks und Fremde präsentiert ein Magritte-Projekt
erschienen am 02.02.2013 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Im Anfang war das Riesenei: Aus seiner weißen Schale pellt sich ein männliches Wesen in Feinripp-Unterwäsche. Der Verhuschte wird geboren in die Welt des Surrealisten René Magritte. Während der folgenden 75 kurzen Minuten erleben die Zuschauer eine faszinierende Theaterreise durch diesen Kosmos. ‚Das Schweigen der Welt‘ heißt das Projekt, mit dem das Dresdner Figurentheater-Duo Cie. Freaks und Fremde im Fitz gastiert. Sabine Köhler und Heiki Ikkola konzipierten ein Gesamtkunstwerk aus clowneskem Spiel, wandelnden Bildern im Magritte-Geist, einer Klangcollage (Sound und Musik: Frieder Zimmermann, Daniel Williams) und Reflexionen über das Sein aus Fernando Pessoas ‚Buch der Unruhe‘.
Darstellerisch assistiert von Sabine Köhler, reist Ikkola meist pantomimisch durch eine Galerie bewegter Bilderrätsel: ein chaplinesker Theater-Magritte mit Melone, Überzieher und Schirm als Gesprächspartnern. Wie von Geisterhand bewegt, zieht eine Karawane von Koffern vorbei. Einer von ihnen posiert als Kopf des Spielers und übernimmt für ihn das Sprechen. Mit lautem Knall regnet es grasgrüne Äpfel vom Bühnenhimmel. Sie sträuben sich mit Hundegebell dagegen, aufgelesen zu werden. Oder fordern den Spieler mit dem Greinen von Babys auf, sie zu liebkosen. Als Zitate tauchen weitere, aus Magrittes Assoziationsfundus bekannte Alltagsobjekte auf: Sofa, Kamm, Weinglas etwa. Aus einem Ohr wächst Ikkola ein Schlüssel, mit dem er seinen Kopf aufschließt, auf dass die Gedanken ungehindert ins Surreale aufsteigen können. Und mittels der Flügel eines schwebenden Fensters schaltet der Reisende das Rauschen des Meers ein und aus – der Mensch als Maestro der Unendlichkeit seiner Imagination. Ein wunderbares Bild.