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Rosa Schenkel ä la Miß Piggy

Eine erotische Begegnung mit "Blaubart" im Figurentheater
erschienen am 01.01.2005 in Stuttgarter Zeitung
von Tomo Pavlovic

Wie viele Male zog man sich nicht schon früher seinetwegen nachts die Decke bis über die Nasenspitze hoch oder noch weiter? Die Ängste eines Kindes sind eben die verscheuchten Alpträume des Erwachsenen. Das Märchen „Blaubart“ aber, diese Erzählung von einer bluttriefenden Schloßkammer und deren grausamem Schlüsselinhaber, der abermals eine junge Frau töten will, ist eine der subtilsten und daher wirksamsten Storys unserer Gute-Nacht-Geschichten-Zeit. Vielleicht weil niemand weiß, warum Blaubart jemals mit dem Meucheln anfing. Das Motiv ist gleichgültig, sagt der Romantiker.

Ganz und gar nicht, denken Gyula Molnar (Regie) und Annette Scheibler, die für das Figurentheater Stuttgart eine leichte, verführerische Adaption des „Blaubarf-Stoffes wagten, allerdings nach Charles Perraults Fassung „La barbe-bleue“, die im Gegensatz zur neueren Grimmschen Variante dem erotischeren Zugang nähersteht. Annette Scheibler mimt eine gelangweilte Dame, die während ihrer Klavierstunde auf dreist-frivole Weise dem blaubärtigen Mysterium verbal die Hosen runterläßt. Der Klavierlehrer und auch der eigene Gatte sind dabei lediglich Phantome im Ein-Personen-Horrorkabinett dieses irr dreinblickenden Lustweibes, das mit wenigen Requisiten – unter anderem vier Barbiepuppen, die Büste eines Charakterkopfes und ein Paar schaumgestopfte rosa Damenschenkel ä la Miß Piggy – von einer Abschweifung zur nächsten rast: zottlige Hexen im Walde oder Demeters Trauer um Persephone gehorchen einer Erzähllogik, die einem orientalischen Teppichmuster ähnelt. Der köstlich agierenden Schauspielerin ist es zu verdanken, daß die feministische Abrechnung mit dem haarigeren Geschlecht die nötige Selbstironie bis zum Schluß beibehält. Annette Scheiblers Spiel ist trotz der Bühnenpräsenz ein durch und durch puppenhaftes, mit einem abwesenden Porzellange sicht, in dem die Knopfaugen kaum blinzeln, mit einem wie ferngesteuerten Objektkörper. Auch wenn sie sich auf dem Klavier rekelt wie eine faule Katze oder unvermittelt in den Raum kräht, ihre Lebendigkeit ist ei ne betont gekünstelte. Am Ende dieser über aus schnellen Theaterstunde ist Blaubart dann endlich passe. Die Dame am Klavier aber hat längst keine Angst mehr vor dem häßlichen, dicken Mann. „Ein Märchen für naive, unerfahrene Frauen“ war das Ganze ja nur, so heißt’s. Und schließlich sei Blaubart eine heiße Alternative zum nachmittäglichen Kauf einer Tagescreme – das Quickie mit einem Monster.