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Rundflug am Schreibtisch

Thalias Kompagnons mit "Kafkas Schloss. Ein Machtspielchen" im KunstKulturQuartier
erschienen am 20.02.2009 in Abendzeitung
von Dieter Stoll

Der Teilnehmer dieser absolut außergewöhnlichen „Schloss“-Besichtigung, die Franz Kafkas rästselhaftes Werk aus der großen Literatur und dem großsprecherischen Kino ins blickfangende Küchentisch-Kabinett des Puppenspiels holt, kann sich seiner Legitimierung nie sicher sein. Ist er Voyeur oder Randerscheinung oder womöglich das heimliche Zentrum in diesem „Machtspielchen“, das Thalias Kompagnons im Festsaal des Nürnberger Künstlerhauses albträumerisch entfesseln. Denn Tristan Vogt (Bearbeitung und Spiel) und Joachim Torbahn (Puppen und Regie) nehmen die Groteske des Poeten, die entlang am schrägen Selbstbehauptungs-Willen des Herrn K. ihren schicksalhaft absurden Lauf nimmt, so ernst, dass ihr Komik-Reflex dem Betrachter eigendynamisch ins Gesicht springt.

Die Zuschauer sitzen gedrängt dort, wo sonst die Bühne ist – denn der „Landvermesser“, der in den Kampf mit der allmächtigen Bürokratie zieht, braucht Freiraum fürs Zwischenlager verlorener Hoffnungen. Hinter dem Küchentisch, auf dem handliche Objekte in Konflikt-Position geschoben werden, steht ein Schrank mit vielen Fächern. Behälter liegen da griffbereit für den Wechsel aus dem Archiv-Ruhestand ins volle Theaterleben, Schachteln samt ausgekipptem Inhalt entpuppen sich als Lebensgemeinschaften. Und da ist niemals Ruhe im Karton.

Denn die Rebellion gegen die irreale Hierarchie („Wer nicht aus dem Schloss ist, ist nichts!“) zieht Spuren der Verwüstung durch geordnete Gedanken – mit der ständigen Behauptung, die Monstrosität sei der eigentliche Normalfall.

Kafkas Entwurf verliert in dieser Verkleinerung nichts von seiner bestürzenden, grade im Gelächter höllischen Dämonie. Spielmacher Tristan Vogt bewegt alle Figuren, spricht wie in Trickfilm-Trance mit vielen Stimmen, ergänzt das durch Mimik und Körpersprache. Er macht es, wenn er mit dem Lineal ganze Szenen samt ihrer Beteiligten nach Gebrauch vom Tisch räumt, so lapidar „unmenschlich“, wie es dem Dichter wohl in kühnsten Zwangsvorstellungen einfiel. Puppen werden per Handgriff zur Requisite zurückgestuft: Gerade noch außerirdisches Lebewesen, jetzt nur noch Telefonhörer für einen Anruf wie im TV-Krimi. So bäumt sich das Drama zu schwindelerregender Satire auf, wo Holzköpfe mit „Olè-olé-olé“ in Ballermann’sche Wassereimer tauchen und dösende Autoritäten aus dem Bett heraus die Frage erörtern, ob man je aufhört, Amtsperson zu sein. Wenn die Staffel von Leitz-Ordnern zum Rundflug mit Bruchlandung überm Schreibtisch ansetzt, ist die Anarchie am Höhepunkt.

Die Aufführung von Thalias Kompagnons auch, denn das Schau- und Hörspiel legt den Witz in Kafkas „Schloss“ frei, ohne an der Poesie zu kratzen. Großer Beifall für einen großen Abend.