Springe zur Navigation

Schauspiel und Objekttheater: „Nachtwandler“ im Fitz

erschienen am 02.11.2003 in Stuttgarter Zeitung
von Nicole Buck

Mit lautlosen, synchronen Schritten tanzen sie auf die Bühne: ein Paar in perfekter Harmonie. Schon dieses erste Bild von „Nacht wandler“ greift die Handlung des Stückes auf, erinnert dieser Tanz doch an die Kugelmenschen des Aristophanes, jenen noch kompletten Wesen mit vier Armen und vier Beinen, denen die Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht noch fremd war. Doch wie bei den Kugelmenschen, die in Individuen getrennt wurden und seither auf der Suche nach ihrer zweiten (besseren) Hälfte sind, löst sich auch das Paar voneinander, als die Roma-Musik feuriger wird, und ein Kampf um die individuellen Träume und Hoffnungen innerhalb einer Beziehung beginnt.

Zwischen Schauspiel und Objekttheater bewegt sich das Stück „Nachtwandler“, eine Koproduktion des Theaters Peppermind und des ungarischen Objekttheaterspielers Gyula Molnar, das bereits 1988 unter dem Titel „Veglie“ in italienischer und französischer Sprache auf die Bühne kam, und jetzt in der deutschsprachigen Fassung im Fitz zu sehen ist. Wie schon bei der Uraufführung führt Francesca Bettini Regie und entführt das Publikum in eine Welt voll von zarten, aber auch absurden und brutalen Bildern, denen eine ganz eigene Poesie innewohnt.

„Nachtwandler“ setzt sich zusammen aus Symbolischem und Assoziativem, aus kleinen und großen Gesten, aus Melodramatischem, aber auch einer großen Portion Humor. An nette Scheibler als die Frau und Gyula Mol nar als der Mann stellen in vielen kleinen Szenen einen Geschlechterkampf dar, der alltäglicher, aber auch entfremdeter kaum sein könnte. Die Frau in Bauerntracht und Stiefeln spielt das Weibliche mit allen Facet ten, sie träumt von der Liebe und einem Zuhause. Er dagegen verspürt den Drang, der Zweisamkeit zu entrinnen, muss nach drau ßen, um Revolution zu machen, und verliert dabei immer mehr von sich.

Wie hart die zwei Lebensentwürfe aufei nander prallen, wird in einer Szene sehr eindrücklich gezeigt: Sie erblickt in einem Scherbenhaufen einen noch unbeschädigten Teller und nimmt ihn glücklich an sich wie eine Kostbarkeit. Doch der Mann reißt ihr den Teller aus der Hand und beißt ein Stück heraus – und vergrößert so auch den Scher benhaufen ihrer Beziehung, zudem mit dem Risiko, sich selbst dabei zu verletzen. Doch die Frau ist keineswegs schwach, sie unter stützt ihn bei seinem Traum, die Welt zu verändern, als ihn die Furcht ergreift, holt ihn aber auch wieder in die Realität zurück, wenn seine Träume zu absurd werden: „Ich will in den Spanischen Bürgerkrieg ziehen!“ – „Aber der ist doch längst vorbei!“

Sie scheint die Geschlechterunterschiede zu durchschauen und nicht immer ernst zu nehmen („Männer fallen immer nach unten, dahin, wo sie einen Halt finden“), er dagegen handelt fast schon brachial: Er zeigt seine Verbundenheit mit ihr dadurch, dass er sie an ihrem Zopf am Bett festnagelt. So derb manche Szenen sind, so fein und subtil sind viele andere. So signalisiert sie ihm, dass er bleiben soll, indem sie sich auf seine Schnür senkel stellt. Bestünde die Beziehung der Protagonisten nur aus Kampf, würde die Geschichte unglaubwürdig. Es sind aber auch sehr tiefe und innige Momente der Verbun denheit zu sehen, etwa dann, wenn er auf ihrem Schoß liegt und sie ihn vor sich selbst zu beschützen scheint.

Doch nicht nur theatrale Szenen gehören zu den Mosaiksteinchen, aus denen „Nacht wandler“ zusammengesetzt ist, schließlich kommen Annette Scheibler und Gyula Molar aus dem Figuren- und Objekttheaterbereich. Das kommt in wunderschönen Szenen zum Tragen. Beispielsweise ist das Paar in einem Wagen unterwegs, der aus einem Tisch be steht, vor den zwei Paar Schuhe gespannt sind. Herrlich auch, wie Annette Scheibler den Scherbenhaufen zusammenkehrt und dabei ihr Bein kurzerhand zum Besen wird. „Nacht wandler“ überzeugt in vieler Hinsicht, durch eine berührende Geschichte um Liebe und Träume, die aber ohne Scheu auch von den bitterbösen und enttäuschenden Momenten des Lebens erzählt. Tiefsinnig und amüsant.