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Scherben des Glücks

Im Stuttgarter FITZ hat 'Nachtwandler' in einer Inszenierung von Francesca Bettini Premiere
erschienen am 02.11.2003 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Den Mann juckt’s am Rücken. Das sind die Narben, sagt sie. Die Narben von den Flügeln. Weiß doch jeder: Bevor ein Mensch geboren wird, kommt ein Engel und gibt ihm einen Nasenstüber. Und von diesem Nasenstüber vergisst der Mensch auf der Stelle alles, was ihm zuvor geschehen ist, heißt es in Itzik Mangers „Buch vom Paradies“. Paradiesisch ist die Beziehung der beiden nicht gerade. Dem Engel wurden die Flügel beschnitten und der Himmel ist auf die Erde gefallen, wo er einen Berg wolkenweißer Porzellanscherben hinterlassen hat. Tristesse und Leidenschaft spiegeln sich im Stück „Nachtwandler“, das jetzt im FITZ Premiere hatte. Gyula Molnar, international bekannter Vertreter der Objekttheaterszene, und Annette Scheibler, vielbejubelter Star der deutschen Figurentheaterszene aus Stuttgart, haben mit Unterstützung der italienischen Regisseurin Francesca Bettini einen emotionalen und visuellen Bilderbogen geschaffen. Nicht das Wort zählt hier, sondern das Bild. Wer nicht versucht, irgendeinen Sinn oder Zusammenhang in diesem poetisch-philosophischen Spiel zu suchen, hat sein Vergnügen an dieser unerschöpflichen, aus gedanklichen Bruchstücken zusammengesetzten Bilderwelt. Am meisten berührt die Menschlichkeit und die spürbare Lust des Trios am Theater. Mittels Musik, Tanz, Pantomime, Objekten und zwei großartigen Darstellern entsteht eine szenische Illusion, deren Geheimnis der Besucher noch auf dem Nachhauseweg zu enträtseln versucht. Aber man sollte es besser lassen und die Kunststücke, Einfälle und akrobatischen Einsprengsel samt fliegender Chagall-Kuh für sich sprechen lassen.

Liebe aus der Distanz

Wer nicht krampfhaft zu deuten versucht, kann über den Witz der aneinandergereihten Nonsense-Sätze und Allgemeinplätze ständig lachen. Wie über jenen Satz von der Liebe der Frau zum Mann, die am größten ist, wenn der Mann weit weg ist. Das passt dann besonders gut, wenn er eine Revolution machen und in den spanischen Bürgerkrieg ziehen will. Dass der vorbei ist, stört ihn nicht. Dann such‘ ich mir einen anderen, denkt er bei sich. Es ist eine bemerkenswerte Ästhetik, welche dieses bizarre und groteske, gelegentlich melancholisch-poetische, meistens von feinherbem Witz dominierte Bildertableau hervorruft. Trotz gelegentlicher Längen sind die Ideen hinreißend, die nicht im intellektuellen, sondern im emotionalen Sinn leicht begreifbar werden. So avancieren zwei Paar Stiefel in Formation auf einer Bank zu Kutschpferden, die Schnürsenkel zu Zügeln. Auf dem Tisch dahinter hoppeln Scheibler und Molnar zu ungarischer Roma-Musik wie auf einem Karren. In einer anderen Szene nimmt Scheibler ihr strammes Bein, als ob’s nicht ihres wäre und kehrt wie mit einem Besen die Scherben ihrer Ideale am Boden zusammen. Eine Schreibmaschine wartet auf ihren Einsatz als Akkordeon, während die beiden Gefühlsdompteure auf Wörtern und Sätzen herumtrampeln, als handelte es sich um zerdepperte Espressotässchen. Was spielt es auf dieser Suche nach gestohlenen Träumen, nach Erinnerungen und nach jener sagenumwobenen Freiheit in Unendlichkeit für eine Rolle, ob der Mann Sebastian, Michael oder vielleicht Fritz heißt – und die Frau gar nicht Elvira ist? Schließlich geht es um Wunschbilder, die jeder vom anderen im Kopf hat.