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Schlaflos im Heute

Drei Premieren zur Eröffnung der Theater im Tagblattturm
erschienen am 15.05.2004 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun und Nicole C. Buck

Nichts ist so schrecklich wie eine ver schlossene Tür. Jeder anständige Krimi und Gruselfilm hat seine verschlossenen Türen und Gemächer, seine finsteren Kellerräume, Gartenhäuschen oder Garagen. Das gehört dazu. Das Böse lauert im Verborgenen, und eigentlich wartet man bei der „Nacht des Gruseins“ insgeheim doch darauf, dass eine Tür knarzend aufgeht, Horror, Schrecken, Schreie, Blut. Aber nein, das neue Stück vom Materialtheater Stuttgart und dem Theater Peppermind öffnet andere Türen: zum Bei spiel die Türen zur Seele, hinter der sich grausame Fantasien und die Lust am Schrecken verbergen. Fünf Akteure auf der Bühne, die zitieren, karikieren, persiflieren – und en passant wird deutlich, wie viel Horror eigens produziert wird, um dem zivilisierten Men schen schaurig-süßen Kitzel zu verschaffen.

Das Materialtheater Stuttgart und das Theater Peppermind haben gemeinsam eine Szenenfolge entwickelt, die das Thema auf seine komödiantischen Qualität hin abklopft und dabei von mehr erzählt als nur vom blanken Horror. „Ich hatte eine Traum“, sagt Annette Scheibler immer wieder und erzählt von Albträumen und bösen Bildern, die durch ihren Kopf geistern. Sigrun Kilger spielt eine Geisterbeschwörerin, die sich in einer Gruppensitzung „dem Schlimmsten stel len und damit den Schrecken bannen“ will. Alberto Sanchez dagegen, von Haus aus Clown, spielt stumm Szenen aus Hitchcock- Filmen nach – brillant und komisch.

Hier geht es um Schnelltherapie im Fernsehen, dort wird eine Frau vom Telefon tyrannisiert – und lose fügen sich die Szenen zu einer essayistischen Betrachtung über die Angst. Das ist meist absurd und verquer, entwickelt aber oft eine eigene Poesie, es ist verspielt, aber immer überzeugend und sehr amüsant. Fünf Akteure, begleitet von Live- Musik, aber das Team hat seine Wurzeln im Figurentheater nicht ganz vergessen, und immer dann, wenn die fünf in dieser „Nacht des Gruseins“ mit Material, Figuren und Ob jekten spielen, wird der kabarettistische Ansatz zur großen Kunst.