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Schwarzwaldmädchen und Hitlergruß

Begriffe, Bilder, Bühnenzauber: Frank Soehnles Figurentheater Tübingen zeigt im Fitz seinen assoziativen „Heimatabend"
erschienen am 06.06.2009 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Was ist Heimat? Flädlesuppe, Filz- und Bollenhut. Volksmusik und elektrische Kegelbahn. Und Brauchtum und Brombeeren, Wärme und Gerüche. Zum „Heimatabend“ lädt derzeit Frank Soehnle und sein Figurentheater Tübingen. Im Fitz unterm Tagblatt-Turm hat er seine neue Premiere gemeinsam mit Karin Ersching und dem Schauspieler Georg Peetz herausgebracht. Die drei zeigen auf der Bühne, was sie mit dem Begriff Heimat in Verbindung bringen: Alpenveilchen und Todesgedanken, Karneval, Verwandtschaft und Jagd. Heimatdichter, Heimkind, Heimatanschriftsberechtigung und Heimatlos. Und manchmal auch, weit draußen auf hoher See: Hai und Maat.

„Heimat.abend“ ist ein bunter Bilderbogen, ein kurioses Zusammentreffen von unterschiedlichsten Requisiten. Auf einem langen Tisch sind sie wie beim Flohmarkt aufgebahrt: Aquarium und Geweih, Kochplatten und Töpfe, Instrumente und Grünpflanzen. Soehnle, Ersching und Peetz arbeiten mit verschiedensten Ausdrucksmitteln: Mit Projektionen, Livemusik und Musik vom Band, mit Objekten und klassischem Figurenspiel, mit Schauspiel und Schrift. Mal wird eine kleine Marionette in einem Glaskasten bewegt und schaufelt sich mit einem Löffel Erde über den kahlen Schädel. Mal fängt ein Fuchsschwanz an zu leben, schlängelt sich unterm Arm durch und kriecht ins Hemd, zittert und flutscht wieder weg. Die drei animieren alles, was ihnen unter die Finger kommt. Hier schwebt ein Foliengeist durch die Lüfte, dann wieder tragen sie eindrucksvolle, grimmige Fasnachtsmasken mit langen Zähnen und fiesem Grinsen, Larven, die Udo Schneeweiß aus Erfurt geschnitzt hat.

Es ist ein Spiel mit Begriffen und Bildern. Auf die Rückwand der Bühne werden in loser Folge Worte projiziert: das ABC der Heimat. Gestank gehört dazu, aber auch Exil oder konform. Zu dem Soldatenlied „Es ist so -schön, Soldat zu sein, Rosemarie“ aus dem Zweiten Weltkrieg beginnen kleine Schwarzwaldmädels zu tanzen: Eine Schar von Sou-venirpüppchen mit rotem Bollenhut dreht und wiegt sich – und hebt auch plötzlich den Arm zum Hitlergruß.
Deftige Hausmannskost und reaktionäres Gedankengut, vertraute Umgebung, aber auch der Umstand, vertrieben und entwurzelt zu sein, all das gehört zur Heimat, irgendwie. So anregend der Bilderbogen sein mag, ihm fehlt doch die Stringenz. Es reiht sich Idee an Idee. Da tanzen zwei weiße Schuhe im Übermut, bis sie dramatisch im Aquarium ertrinken. Da werden Schilder aufgestellt, die an die schrullige Verwandtschaft erinnern: Hedwig – vergessen. Heinz – vergrault. Helga – verschwunden. Hof – verkauft. Text und Musik, Figurenspiel und Materialtheater, Stillleben und Rezitation greifen ineinander.

Heimat.abend“ sprengt die Grenzen sowohl des traditionellen Sprech- als auch des Figurentheaters. Es gibt mitunter schöne und mit Taschenlampen kunstvoll illuminierte Bilder. Es gibt lustige Momente, wenn die drei mit Instrumenten – Ziehharmonika, Posaune und Oboe – blödeln und einer den anderen schließlich mit der Oboe erst erschlägt und danach wieder aufpumpt. Und es gibt tiefsinnige Augenblicke, wenn an den Tod gemahnt wird oder von der „Wattedecke der Gewohnheit“ gesprochen wird.

Was aber fehlt, ist die theatralische Entwicklung. So werden Assoziationen und Bilder aneinandergereiht, werden Klischees mal bedient, mal ironisch gebrochen. Soehnle und seine Mitstreiter haben sich von ihrer Fantasie treiben lassen, haben den Begriff Heimat abgeklopft und haben Marcus Dürr als Berater. Was aber fehlt, ist ein Autor oder ein Regisseur, um den Bilderreigen in eine schlüssige dramatische Form zu gießen.