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Sein oder haben?

Fitz: Christoph Bochdanskys 'Dämon' lebt von intelligentem Wortwitz und skurrilen Puppen
erschienen am 11.10.2014 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Ein Dämon haftet an Christoph Bochdansky. Die kleine Puppe mit dem schrägen Gesicht sitzt im Jackett, klebt am Hosenbein, schwingt sich zu übermenschlicher Größe auf, in der der Puppenspieler aus Wien verschwindet. Es sei, höhnt der Dämon – jetzt ein bräunliches Schlabberwesen mit Glatze, rollenden Augen, Knochenhänden und monströs auf- und zuklappendem losen Unterkiefer, aus dem die Stimme Bochdanskys spricht -, es sei ‚am schönsten, in einem Menschen zu wohnen‘.

Das ist ein Wahnsinns-Auftritt, den Christoph Bochdansky seinem und jedermanns Dämon verschafft. Eben hat der Künstler mit herrlich gebrochenen Bewegungen noch zu Murray Heads Song ‚One Night in Bangkok‘ getanzt, dem Publikum zugerufen: ‚Es ist ja immer die eine Zeile‘ – ‚I can feel the devil walking next to me‘. Und schwups, schon ist der Tänzer besetzt von einem Doppelwesen.

‚Daimon‘ nannten die alten Griechen die Schicksalsmacht oder den Geist im Menschen, der warnen oder mahnen kann. Bösartig verführend wurde der ‚daimon‘ erst im Wortgebrauch des Christentums. Inmitten eines puristisch grasgrünen Bühnenwalds, wo aus jedem Wurzelwerk der dürren Stämme neue Ideen des Puppenspielers geboren werden, agiert der Wiener mit seiner Entourage.

Ein handgroßes Figürchen in einer Hängematte aus Feenhaar, beschützt von einer winzigen Glockenblume, die bei Gefahr für das Kind zu läuten verspricht. Bochdansky als Tänzer, eine Puppenfrau begehrlich zum Tanz führend, unreif aber für die Liebe. ‚Liebe, das klappt doch nie, das ist Ausschussware vom Paradies‘, trumpft Bochdanksky auf.

Und später – da ist der Biograf schon lange nicht mehr im Zustand der Unschuld – trotzt er seinem Dämon eine Immobilie (ein aufblasbares Lufthaus) ab und hängt sein Herz daran. Sein Herz aber ‚gegen die Zukunft im Jenseits‘, das fordert der Dämon, nun wieder überlebensgroß, den Willen des Biografen verschlingend. Wie Christoph Bochdanskys verführerisches Spiel durch intelligenten Wortwitz und die Skurrilität der Puppen den Ich-Erzähler ins Totenreich führt, ist ganz großes kleines Theater.