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SEULE AU BAIN Träume einer Verlassenen

erschienen am 01.01.1970 in Stuttgarter Nachrichten

Eine junge Frau taucht auf mit abgeschabtem Koffer und Schnapsflasche. Aus einem Miniradio an ihrem Handgelenk quäkt Charles Aznavour „Du bist meine Sonne“. Der ihr dies einmal auch gestand, ist einfach verschwunden. Umbringen wollte sie sich deswegen, das aber hat nicht geklappt. Geblieben sind die Erinnerungen an gemeinsame Liebesfreuden am sommerlichen Meer. In der häuslichen Badewanne steigen sie wieder auf. Es ist Vanessa Valks sehenswerte Diplomarbeit im Fachbereich Figurentheater an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

„Seule au bain“ (Allein im Bad) nannte Vanessa Valk ihr von Frank Soehnle inszeniertes Spiel mit den Träumen einer Verlassenen nach Motiven von Jean Cocteau. Als Premiere bildete es den gelungenen Auftakt eines Festivals, das im Figurentheater Stuttgart unter dem Titel „Weibs-Bilder“ bis einschließlich 16. März acht Produktionen von Frauen vorstellt.

Eine milchig durchsichtige Folie umhüllt die in geheimnisvolle Bläue getauchte Badewanne – Objekt einer verblassten Liebe. Die bittersüßen Erinnerungen daran steigen aus den Tiefen des betagten Ersatzmeeres. Vier nackte Füße an langen Beinen tauchen daraus auf, beschmusen sich wie Giraffen beim Liebesspiel. Gott Eros befällt die junge Frau, krabbelt als kleiner Marionetten-Teufel mit Riesenpenis wie ein Käfer an ihr hoch.

Das Bild des Geliebten ersteht wieder als mannsgroße Puppe in blütenweißem Frottee. In ihrer Erinnerung ein Halbgott, den sie anschmachtet und von dessen Liebessehnen sie sich verschlingen lässt. Rasch wird er sich jedoch die Maske des Verführers vom Gesicht ziehen und sich ihren drängenden Küssen verweigern. Vanessa Valks Stück besticht mit der Poesie seiner Bilder.

Klangbilder der Sehnsucht liegen in der Luft

Einen wichtigen Beitrag dazu leistet der Soundtrack von Stefan Charisius, der auch live auf der Kora, einer Art afrikanischer Harfe, spielt. Periende Klangbilder der Sehnsucht liegen in der Luft, in deren Rhythmus sich die federleichte Plastikfolie, von Vanessa Valk bewegt, zu sanften Meereswellen kräuselt. Durchtanzte Nächte fallen der jungen Frau ein. Sie erlebt sich als winzige netzbestrumpfte Marionette im Mambotakt: Ein Skelett mit dickem Klunker im Ohr, dem zwischen den Beinen ein Kopf wächst – die Liebe hat ihr den Verstand in den Schoß rutschen lassen. „Ich bin ja gar nicht mehr ich“ stellt sie fest, nachdem der Mann sie verlassen hat. Sie ertränkt in einem Akt der Selbstbefreiung eine männliche Maske im Goldfischglas und zerreißt im Harfengewitter die Kunststoffhaut über der Badewanne – ein ungetrübter Blick auf das Leben wird wieder möglich.