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Spielen und staunen

Maren Kauns ' Schneewittchen' Im Figurentheater Stuttgart
erschienen am 12.01.2015 in Stuttgarter Nachrichten
von Olga Burkardt

Kinder lieben den Konjunktiv. ‚Also ich wäre jetzt der, und du wärst die, und das hier wär‘ unser soundso‘ – in der Art tönt es aus manchem Kinderzimmer. In ihrem neuen Stück ‚ Schneewittchen‘ (Regie: Vanessa Valk), das am Samstag im FITZ erstmals in Stuttgart zu sehen war, hält es Figurenspielerin Maren Kaun ähnlich.

Eine Mikrolandschaft in Pastelltönen aus kniehohen Tannen, gepunkteten Pilzen, flauschigem Wiesengrund. Eine Frau im Dirndl, Maren Kaun, sucht sich darin ein Plätzchen und beginnt hingebungsvoll ihre Picknick-Decke zu bestücken. Jedes kleine Exemplar aus ihrem unerschöpflich Korb, jeder Löffel, jede Butterdose, jedes Marzipanschwein findet seinen Weg ins Spiel, bis die kleine Bühne einem bunten Kinderzimmer gleicht, in dem alles durcheinander liegt. Der Picknickkorb wird zum Zwergenhaus, der fingergroße Jäger thront als Deckel auf einer Flasche, Hühnereier mit Zipfelmützen geben die Zwerge, ihre Betten sind mit Spitzen versehene Eierbecher. Die Gabel, eben noch Spieglein, darf sich als giftiger Kamm ein wenig in Schneewittchens Haupt bohren.

Es ist ein Genuss, wie Kaun dasitzt und staunt, wie sich ihr eigenes Spiel vor ihr entfaltet – etwa wie die kleine Eisenbahn mit den bemützten Eierzwergen ihre Runden dreht – oder wie sie im nächsten Moment als Stiefmutter wutentbrannt einem Ei auf die Pelle rückt. Kaun erzählt die Grimmsche Geschichte mit der Hingabe und Wandelbarkeit eines Kindes. So gelingt ihr das, was Kindern täglich gelingt: Dingen Leben einzuhauchen, dem Unscheinbaren Bedeutung beizumessen, das Naheliegende zu verwandeln, das Vertraute Unvertrautes erzählen zu lassen. Ein ehrfürchtiges ‚Boah‘ entfährt einem kleinen Zuschauer, als sich die Zwerge um den Glassarg drapieren und drei Tage lang trauern. Dass eine Butterdose ein vorzüglicher Sarg ist, leuchtet schließlich ein.