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Spießer, Spinner und die Kultur des Flecks

Im Fitz wird E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der goldne Topf“ hochmodern präsentiert.
erschienen am 15.12.2018 in StZN
von Cort Beintmann

Ein betörendes Stück Literatur ist „Der goldne Topf“ von E. T. A. Hoffmann, jenes über zweihundert Jahre alte, höchst raffinierte Kunstmärchen. Was macht das Figurenkombinat Stuttgart daraus? Erst einmal spielen Sarah Chaudon (Keyboard), Ester Falk (Gitarre) und Maik Evers (Schlagzeug) richtig rockig auf, und dann zeigen sie bei der Premiere von „Der goldne Topf“ im Fitz, wie Literaturumsetzung im Figurentheater gehen kann. Aus Strumpfhosen gefertigte, handgeführte Puppen werden auf der Bühne in Echtzeit gefilmt und auf eine Leinwand projiziert. Dort zappeln die Figuren beeindruckend lebhaft die Erzählung zusammen. Bei Hoffmann gibt es zwei Ebenen, die reale und die geheimnisvoll-magische; dieser spannungsvolle Gegensatz kommt bei der Produktion des Figurenkombinats leider zu kurz. Dafür zeigt das Figurenkombinat-Trio diverse spannende Ideen.

Was erzählt Hoffmann? Der Student Anselmus lernt Veronika kennen, die als Gattin für ihn in Frage käme. Aus einer irreal-fantastischen Sphäre züngelt ihm schlangenhaft Serpentina entgegen, die aber zugleich eine real-existierende Frau ist. Anselmus muss sich entscheiden.

Nachdem das Figurenkombinat-Trio diese Geschichte erzählt hat, präsentiert es in diversen Szenen, warum der „Goldne Topf“ für uns heute noch interessant sein könnte. Um Identität und Selbstfindung geht es in Hoffmanns Erzählung, und das wird in der Inszenierung von Christian Müller in vielen Varianten umgesetzt. Maik Evers als heutiger Anselmus erzählt anrührend davon, dass er schrecklich schüchtern sei. Sarah Chaudon umgarnt ihn als schlangenhafte Serpentina. „Maik, was ist dein Frauenbild?“, fragt Esther Falk. Veronika ist eher brav und zuverlässig, Serpentina sexy. Und auch das Publikum wird direkt befragt: „Möchtest du lieber Serpentina oder Veronika sein?“ Falk mimt eine Motivatorin, die das Publikum anbrüllt: „Fokussier dich auf die Action!“ Es geht um Liebe und Lebenspläne, und das sind auch die Themen von Hoffmanns Erzählung.

Ihr Held Anselmus hat Angst vor peinlichen Flecken in der Kleidung. In der Fitz-Produktion werden amüsante Videos zum Thema Schmutz gezeigt, zu sehen ist eine Art Kulturgeschichte des Flecks. Natürlich stehen Flecken für Antibürgerlichkeit, und schließlich geht es bei E. T. A. Hoffmann auch um den Kontrast von Spießertum und Fantastik. Intelligente und schön absurde Ideen zu Hoffmanns Geschichte führt das Trio des Figurenkombinats vor. Traumhaft treffend und witzig ist die letzte Szene geraten, wenn die drei in kuscheligen Pullovern besingen, wie man lebt und leben sollte.