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Stille jenseits des Mondes

Premiere Im Figurentheater Fitz erkundet das Ensemble Meinhardt, Krauss, Feigl mit Hightech das Weltall.
erschienen am 10.11.2014 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Die Erde von außen zu sehen, sagte der Astronaut Alexander Gerst dieser Tage, habe ihm einen neuen Horizont eröffnet. Um die Erde zu betrachten, muss man nicht wie Gerst ins Weltall fliegen, sondern es reicht ein Besuch im Figurentheater Fitz. Dort schwebt sie, die kleine Erde, leicht und schön dreht sie sich auf der Bühne. Denn das Stuttgarter Ensemble Meinhardt, Krauss, Feigl erkundet in seinem Stück ‚Und plötzlich stand die Sonne still‘ den Weltraum. Dort, wo gewöhnlich die Puppen tanzen, regiert Hightech: Eine spezielle Videotracking-Software mit Infrarotkamera kommt zum Einsatz; Raum, Licht und Bewegung der Darstellerin beeinflussen sich gegenseitig: Da wischt Iris Meinhardt etwa mit der Hand über die Bühnenrückwand – und Ausschnitte einer alten Landkarte leuchten auf.

Wenn es nach Sigmund Freud geht, hat die Menschheit mehrere narzisstische Kränkungen erfahren. Eine ist die Kopernikanische Wende, bei der die Menschen erfahren mussten, dass nicht die Erde der Mittelpunkt des Weltalls ist. Das Ensemble will sich in einer Serie dieser großen Kränkungen der Menschheit annehmen. ‚Und plötzlich stand die Sonne still‘ ist der Auftakt der Reihe und ein ‚kosmisches Stück über Weltmodelle, Weltbilder und Welt(t)räume‘. Das ‚arm Kind‘ aus dem Märchen in Büchners ‚Woyzeck‘, das ‚kein Vater und kein Mutter‘ hat, geht in den Himmel. Aber der Mond ist ‚ein Stück faul Holz‘, die Sonne ‚ein verwelkt Sonneblum‘ und die Erde ‚ein umgestürzter Hafen‘. Der Abend umkreist das Thema assoziativ und nutzt literarisches, wissenschaftliches und kulturhistorisches Material. Langsam schreitet Iris Meinhardt einen Lichtkreis ab. ‚Wohin bewegen wir uns?‘ fragt sie – und sinniert darüber, ob die Erde Scheibe oder Kugel ist.

Immer wieder entstehen interessante Momente. Mal breiten sich Wellenlinien aus, mal verschmelzen Projektionen und Körper miteinander. Lichtpunkte sammeln sich und verstreuen sich wieder. Dann spielt Meinhardt mit dem auf die Rückwand projizierten Mond, lässt ihn auf und nieder gleiten wie einen Luftballon, der immer größer wird und schließlich prall die Bühne ausfüllt. ‚Als ich auf dem Mond angekommen war, fühlte ich mich zu Hause‘, wird Neil Armstrong zitiert. ‚Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit.‘

Faszinierend ist, wenn die kleine Erdkugel über die Bühne schwebt und ein Gefühl völliger Losgelöstheit entsteht. Nichts sei in den Tiefen des Weltraums mehr miteinander verbunden, sagt Meinhardt. Dort herrsche ‚eine unvorstellbare Stille, so still, dass man den eigenen Körper hört, wie das Herz hämmert‘. Am Ende schaut sie in die Zukunft, prognostiziert, was in einer Trilliarde oder einer Quadrillion Jahre sein wird, wenn erst die Protonen verschwinden und dann ‚die Zeit aufhört zu existieren‘.