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Subtil-ironische Gotteslästerung

Figurentheaterfestival präsentierte die „Passion der Schafe"
erschienen am 18.06.2007 in Magdeburger Volksstimme

Ihre Gottlosigkeit ist geradezu göttlich und ihre Respektlosigkeit erntet den uneingeschränkten Respekt der Zuschauer: Mit der Inszenierung „Passion der Schafe“ präsentierte das „7. Internationale Figurentheaterfestival Blickwechsef“ ein Spiel um Glaube, Hoffnung, Liebe, das Erinnerungen an Monty Python wach werden lässt und mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde.

Magdeburg, Vier Männer und drei Frauen machen sieh auf, das Leben von Jesus Christus zu erforschen und nachzuspielen. Aber nicht, ohne vorher ihre Standpunkte zu erklären: Der einen wurde schon als Kind gesagt, dass Gott alles sieht. Bald wuchs ihr eine rosa Blase aus dem Kopf, in der alle sehen konnten, was sie gerade denkt. Deshalb beschloss sie einfach, nicht mehr zu denken – und es funktioniert. Das Schaf nimmt Gestalt an.

Ein Mann gibt sich als Geschäftsmann zu erkennen, der nie genug kriegen kann. Natürlich weiß er, dass dies falsch ist, aber Schuld trägt er daran nicht, weil die Welt nun mal so ist. Ein zweiter hat zwar vorm Altar gebetet, weil er ein guter Mensch sein will, doch bald darauf hat er einen Blinden mitten auf der Straße stehen lassen und sich im Bus an alten Flauen gerieben. Sünde macht einfach mehr Spaß.
Den Zuschauern wird eine differenzierte Selbsthilfegruppe offenbart, in der jemand vom Glauben abgefallen ist, weil Jesus nie mit ihm gesprochen hat oder eine Frau sich den Kopf rasiert und die Beine einschnürt, weil sie Freude am Schmerz hat.

Absurdität als Mittel zum Zweck

Die Statements zwischen Skurrilität und Groteske als Gleichnis für menschliche Unvollkommenheit treffen den Nerv des Publikums – Heiterkeit schon in den ersten Minuten. Mit jeder Lebensgeschichte wächst die Zahl der Schafe, bis ein kollektives Blöken von der Geburt einer Herde kündet. Gemeinsam wird beschlossen, Theater zu spielen … Wenn die Akteure mit einfachsten Mitteln des Materialtheaters in ihre Rollen als Maria Magdalena, als Pilatus oder Herodes schlüpfen, mischt sich Religionsgeschichte mit subtiler Komik zu einer köstlichen „Verballhornung blinden Glaubens. Porträts aus Büchern werden im Spiel zu Köpfen der Protagonisten, ein hölzerner Ring ist austauschbarer Heiligenschein.

König Herodes, der unschuldige Kinder töten ließ, hat Probleme mit der Prostata und als er seine Schmerzen theatralisch auslebt, fragt ihn der „Reiseführer“ der Truppe erstaunt, woher er denn diesen Text habe. Irgendwann kommen sogar die Exkremente eines Esels zu Wort, die dem Publikum davon berichten, wie sie die Kreuzigung erlebt haben.

Mehr und mehr wird Absurdität Mittel zum Zweck, das Schaf sein intellektuell zu sezieren. Ganz nebenbei schildert ein Legionär die rein handwerklichen Abläufe des Kreuzigens – drei Leute braucht man dafür mindestens, fünf sind besser. Wie all das auf die Bühne gebracht wird, ist schlicht und einfach köstlich – die dramaturgische Spielweise ist den Akteuren Spielwiese für ihre Spielfreude, die letztlich nur ein Ziel hat – das Schaf zur Besinnung zu bringen oder wenigstens zum (Nach)Denken zu animieren. Denn dieses Schaf, so erklärt am Ende der Teufel einem mittlerweile höchst gelangweilten Gott, hat eigentlich selbst beschlossen, sich zu opfern.

„Die Passion der Schafe“ ist gleichermaßen pointenreiches wie dramaturgisch ausgeklügeltes und in seiner „religiösen Unverschämtheit“ dennoch subtiles Theater, das in Zusammenarbeit des Ensemble Materialtheater mit dem Fitz! Zentrum für Figurentheater, dem Internationalen Figurentheaterfestival Blickwechsel und Velo Teatre Apt entstand.