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Surrealistische Erdnüsse

erschienen am 01.07.2000 in Der Bund, Bern
von ddf

Gelungener Auftakt zum Festival Blickfelder mit Gyula Molnars kleinen Tragödien am Küchentisch

«Es ist jetzt 20.34 Uhr, wir beginnen mit der Vorstellung.» Ein knochetrockener Mensch., dieser Molnar. Setzt sich an seinen Tisch auf der Schlachthaus-Bühne und rückt umständlich seine Requisiten zurecht.
Im nächsten Moment aber passiert es. Da greift er sich die Alka* Seltzer-Tabltte auf dem Küchentisch: Die krümmt sich und beginnt zu leben. Plappert und wispert mit den Lautmalereien aus Molnars Mund. Und wäre so gern eins von den großen bunten Bonbons, die nebenan in einem Rudel herumtollen. Obwohl sie sich in die Hülle eines toten Bonbons schmuggelt, bleibt sie doch allein. Hoffnungslos. Ein Sprung ins Wasserglas – Selbstmord einer Brausetablette.

Verlieben, verlieren, sterben

Es ist der umständliche Mann von vorhin, der die Dinge wie ein Puppenspieler zum Leben erweckt, ihnen eine Sprache und eine Geschichte gibt. Eine kleine, kurze bloß, doch eine, die hinreißender und raffinierter ist als manch andere im großen Menschentheater. «Drei Selbstmorde» heißt Gyula Molnars Objekttheater, und so erfahren denn auch ein Streichholz und eine Kaffeebohne unter seinen Händen, wie schön und tragisch das Leben sein kann: verlieben, verlieren, sterben. Die Bohne geht in einer Tasse Kaffee unter, das Holz in Flammen auf.
Bei Molnar wird die Kaffeemühle zum Krematorium, die Zigarette zum Dämon und Raubtier. Und er selber, weil er Bonbons mag, zum Mörder. Molnar ist ein Zauberer der metaphorischen Dinglichkeit, er lenkt seine Illusionen wie an Fäden und ist doch immer als Akteur mittendrin. Das tut er so virtuos, dass bei ihm am -Ende sogar die Zeit auftritt Tia einer Spielerei, die aus den Nichts Wortbilder materialisiert. Da sieht man Molnar wie er den Spuren der Zeit folgt.(sagt er), und man sieht, wie die Zeit im Schein der Taschenlampe Erdnüsse auf einer Landkarte zertritt.

Die Zeit mag Erdnüsse

Denn die Zeit mag Erdnüsse, sagt Molnar mit seinem umwerfenden ungarischen Akzent. Und wenn seine Kunststücke darin endgültig ins Surreale abheben, dann braucht man gar nicht zu wissen, warum fliegende Rasiercremetuben Felder aus Kaffeepulver verwüsten. Und warum genau Kokosnüsse gekämmt werden müssen. Skurril und wunderbar ist es auf jeden Fall.
Doch was macht die Zeit, wenn die Uhren schlafen? Sie fliegt, keine Frage. Im Dunkeln fliegen zwei Weine leuchtende Quarzuhren mit, die lieber sterben und so zu Sternen werden, statt artig einzuschlafen. «Es ist jetzt 21.16 Uhr, ich danke und wünsche einen schönen Abend.»
Blickfelder 2000