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„Terror im Idyll – Von Ganghofers schrecklichen Kindern“

erschienen am 10.10.2003 in Esslinger Zeitung

Stuttgart – Als Knirps war Ludwig Ganghofer offenbar ein Rebell. Splitternackt, so heißt es, sei der Vierjährige durch die Straßen geflitzt, aus Protest, weil ihn seine Mutter im Badewasser einen Moment alleingelassen hat. In den 18 Romanen des „literarischen Quotenkönigs“ ist von Rebellion nichts mehr zu lesen. Im Gegenteil: Der produktive deutsche Volksschriftsteller, 1855 in Kaufbeuren geboren, schildert in seinen Heile-Welt-Romanen aus der bayerischen Alpenregion die Schicksale der rechtschaffenen Bergbevölkerung. Damit erzielte der Freund Ludwig Thomas Auflagenziffern in Schwindel erregender Höhe, von denen heute selbst ein Dieter Bohlen nur träumen kann. Auch der Castermaster und Tratschliterat beschreibt effektvoll das Treiben einfacher Menschen. Allerdings werden bei ihm die Schwächen drastisch beim Namen genannt. Im Gegensatz zu Ganghofer, dem Meister des schönen und edlen Scheins.

Morgensonne und Schattenseiten. Die krampfhafte Sehnsucht Ganghofers nach den silbernen Fäden in der Morgensonne, nach dem Gutem und dem Wahren, das sich bis heute in Film und Fernsehen fortsetzt: All dies hat das Materialtheater Stuttgart und das pepperMind Theater in Kooperation mit dem Berliner Theater des Lachens gereizt, Paroli zu bieten. „Terror im Idyll – Von Ganghofers schrecklichen Kindern“, das jetzt im Stuttgarter Fitz, dem Zentrum für Figurentheater, uraufgeführt wurde, beleuchtet die Schattenseite der verwirrend-schönen Heimatromane. Annette Scheibler und Hartmut Liebsch sind Ganghofers wunderbar schreckliche Kinder. Die beiden Narrenfiguren agieren symbolisch für diejenigen, die in der zweiten Reihe stehen, um die das Glück einen weiten Bogen gemacht hat, ohne die aber auch ein „Edelweißkönig“, ein „Schloss Hubertus“ oder eine „Martinsklause“ nicht funktionieren. Die ewigen Looser begehren auf: diejenigen, die vergewaltigt werden, die rothaarige Wetterhexen sind und immer die Rollen derer kriegen, die am Ende sterben müssen. Denn das Böse ist auch im Guten vorhanden. Nur unterschwellig.

Die Berliner Regisseurin Astrid Griesbach, die unlängst das erfolgreiche Open Air-Stück „UndineHamlet“ auf dem Killesberg inszeniert hat, macht die Dramen in den Romanen begreifbar. Die beiden missgebildeten Gestalten mit Pferdegebiss begehren mit einem beherzten „Dulijöh“ auf. Ein „Vorsicht Kuh“-Schild weißt auf ihre Geisteshaltung hin, ein Gobelinröckchen mit äsenden Hirschen auf den Jäger im Manne. „Der Schuss in der Nacht“ zerreißt das „Schweigen im Walde“ – Vroni, Zäzil, Daxen-Schorsch und der Purtscheller reden Klartext. „Wir sind nicht gut genug für ihn“, jammern die ewigen Verlierer und beginnen mit Tüchern und Masken ein terroristisches Eigenleben. Huren und Lumpen bevölkern plötzlich die reine Welt zwischen Weinflaschenwäldern und Spielzeugseilbahnen (Ausstattung: Stefanie Oberhoff). Misstöne („Ich war so richtig drin im Gefühl“) stören die jauchzenden Jodelrufe in der Bergheimat. Alles Versöhnliche verschwindet wie die Figuren hinter bunten Ölschinken. Das Gute braucht das Böse. „Wenn die Kunst nicht schöner ist als das Leben, so hat sie keinen Zweck“, behauptete ein österreichischer Zeitgenosse und Bewunderer Ganghofers. Er hat allerdings nicht bedacht, dass auch die „schrecklichen Kinder“ ihre Berechtigung und ihren Platz in den Schönschreib- Geschichten haben. Denn das Gute braucht das Böse als Gegensatz, über den es stets den Sieg erringt – und sei er noch so unrealistisch. Die Sehnsucht nach dem Unmöglichen war für den Bestsellerschreiber Ganghofer, der 1920 starb, wichtiger als die Beschreibung der Wirklichkeit. Diese holt ihn nun posthum im Fitz ein. Und die missratenen Kinder skandieren: „Wir können damit umgehen.“