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Trachtenschmuck als Unzeitspuk

Theater - Tübinger Figurentheater bürstet in seiner Szenencollage »HEIMAT.abend« Idyllen gegen den Strich
erschienen am 18.05.2009 in Reutlinger Generalanzeiger

REUTLINGEN. Hirsch, Hase, Hedwig, Hannelore, Hund und Hof: Geht es nach dem Tübinger Figurentheater, ist das, was für uns Heimat sein will, gerade nicht da. Verjagt, »verschossen«, vergrault, verkauft. Ein »HEIMAT.abend« im franz.K brachte die Inbegriffe trauter Behaglichkeit dennoch ans Licht. Karin Ersching, Georg Peetz und Frank Soehnle sind dafür, ausgestattet mit Taschenlampen und grauen Arbeitskitteln, in die Katakomben eines Heimatarchivs gestiegen. Auch haben sie für ihr Stück, wie eine Besucherin nach der Premiere bemerkte, offenbar einen Souvenirshop für Bollenhut-Figuren leer gekauft.

Die putzigen Trachten-Puppen sind gewissermaßen der rote Faden im Programm und für die Akteure im selbsternannten »Hirn- und Heimat-Archiv« immer wieder Anlass, einen betulichen Heimatbegriff zu hinterfragen. Oder genüsslich zu zerlegen. Etwa, indem sie einem schmissig zu Marschmusik im Aquarium tanzenden Wasserballett der Schwarzwald-Mädel bissige Texte gegenüberstellen, sich mit Peter Handke (»Über die Dörfer«) über »künstlich beleuchtete Heiligtümer« und »Trachtenschmuck als Unzeitspuk« empören.

Dann wiederum sind es Bilder voll visionärer Kraft, magische Traumsequenzen, mit denen die Darsteller ihr Publikum fesseln. Gegenentwürfe dessen, was Heimat auch ist oder sein kann. Da gräbt sich zu Gedichtzeilen Paul Celans (»Es war Erde in ihnen«), mehr Skelett als Mensch, eine Gestalt aus dem Staub. Da wird die Zwiebel einer emporgehobenen Topfpflanze unversehens zum Kopf eines Vogels, der sich auf Blätter-Fittichen in die Lüfte schwingt.

Passend dazu wird Vilém Flussers provokante These in den Raum gestellt, wonach der Mensch erst Mensch wird, wenn er die ihn bindenden Wurzeln abhackt. Und mit Else Lasker-Schüler wird verkündet: »Mit meiner Heimat will ich wandern«. Bodenständig und mit bürokratischem Bierernst geht das Figurentheater der Frage nach, ob ein Heimatloser ohne Heimatanschriftsberechtigung ein Heimatmuseum besuchen darf oder sogar sollte.

Die einfallsreiche Inszenierung (Beratung: Marcus Dürr) setzt auf Tempo und Substanz. So werden die Masken der schwäbisch-alemannischen Fasnet (Hexe, Teufel und Widder) nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern als kraftvolle Mittel der Satire genutzt, um das Gewohnheitstier Mensch zu entlarven. Die von Rat’n’X (Johannes Frisch und Stefan Mertin) komponierte Musik – sie kombiniert Elektrojazz mit klassischer Polkafärbung und Naturgeräuschen – und die von Sabine Ebner entworfenen Kostüme tun ein Übriges, damit aus »HEIMAT.abend« ein im besten Sinne ungemütlicher und vergnüglicher Abend wird. (GEA)