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Unbekanntes im Lifestylewahn

erschienen am 05.03.2007 in Sächsische Zeitung
von Anne Rakowski

In der Welt von FAHRENHEIT 451, ebenfalls Diplomarbeit Berliner Puppenspielstudenten, sind Bücher unerwünschte Fremdkörper. Die Inszenierung (Regie: Dagmar Albert und Heiki Ikkola) hatte bereits am Donnerstagabend im Societätstheater Premiere.

Ein Glückshüter ist er, der Feuerwehrmann Guy Montag. Doch ein Glückspilz? Schließlich verschafft er anderen das Glück, nicht denken zu müssen. ‚Setzt dich nicht mit einem Problem auseinander, verbrenne es.’, wird er belehrt. ‚Denken unerwünscht’ und ‚Fit und Fun’ lautet die gesellschaftliche Devise. Immer lächelnd. Damit das Lächeln strahlt, gibt es Zanders Zahnpasta. Ein nervtötender Werbespot, nervtötend inszeniert.

Das ist Montags Welt. Ob Käfig, oder Antennengebilde – Ingo Mewes abstraktes Bühnenbild lässt da freien Spielraum. Ebenso sphärisch mutet die elektronische Musik von Hartmut Dorschner an. ‚Fahrenheit 451’ bringt den viel beachteten Roman von Ray Bradbury als Puppentheater auf die Bühne. Ein Roman, der bereits 1953 die Unmündigkeit des denkenden Bürgers als Voraussetzung für einen totalitären Staat thematisierte.

Mittendrin Montag. Einer, der sich vom stupiden Regelbefolger zum Fragenden wandelt. Einfühlsam gespielt dessen wachsender Zweifel am System und daran, ‚ob das aufgesetzte Glücklichsein alles ist.’ Im Spiel der verschiedenen Puppen leihen Sabine Köhler, Josefine Schönbrodt, Patrick Jech und Björn Langhans ihnen nicht nur einfach Hände und Stimme, sondern auch Mimik und kleinste Gesten. Herrlich überzogen die immer lächelnden Moderatoren einer TV-Show oder die hohle Sprechblasen plappernde Ehefrau Montags, Mildred. Doch, wie soll einer gegen diese Verdummung kämpfen? ‚Steh auf Montag!’, ruft ihm der Narr am Ende zu. Doch der resigniert, während nun die Spieler und nicht die Puppen dauerlächeln, sich aus Spaß verstümmeln und mit der Monsterzahnbürste samt Zanders Zahnpasta zuschlagen. War ‚Fahrenheit 451’ bis zum Finale schlüssig erzählt, stößt das eher abrupte Ende vor den Kopf. Vorerst. Das ist doch krank, ist man versucht zu rufen und: ‚ Komm, Montag, steh endlich auf!’ Vielleicht ist das die Essenz der Inszenierung, die uns den eigenen Spiegel vor die Nase hält, einer Gesellschaft im Lifestylewahn, in der mediale Verdummung programmiert ist.“