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Und Mutter Samsa seufzt hinter der Rüschengardine

Frank Soehnles klasse Inszenierung von Kafkas „Verwandlung" im Fitz
erschienen am 17.04.2010 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Endlich fällt das Wort, das gesagt werden muss: Mistkäfer. Gregor, der Sohn des Hauses, ist zum Mistkäfer geworfen. Einer, den man ausrotten muss. Unschädlich machen, sich seiner entledigen. Das Leben muss schließlich weitergehen. Die spitze Nase keck in die Luft geführt, reckt die Schwester den erblühten Busen. In nüchternem Erzählton berichtet die Figuren- und Schauspielerin Maren Kaun am Donnerstag im Fitz live und aus dem Off vom Erlöschen der Menschlichkeit in einer sozialen Gemeinschaft.

Franz Kafkas Fantasmen leben in den Figuren der Familie Samsa, die Kaun in einer Schaukastenbühne mit vielen nostalgischen Lichtquellen und vielfach bewegten Rüschengardinen platziert. Seufzend ob der Unfasslichkeit von Gregors Mutation die mausgraue, pausbäckige Mama, wortkarg der schnauzbärtige despotische Vater, dominanter die erst sanft, dann immer drängender opponierende Schwester.
Mit großartigem mimischem Talent vollzieht Maren Kaun die Verwandlung des Protagonisten. Noch ist der Kopf Mensch, doch der Korpus als Kaukautzki-Figur schon Tier. Später dann klebt Gregor in Käfergröße an einem Stab geführt am Fenster – ein Ekel, ein „Es“. Die Inszenierung von Frank Soehnle spielt mit menschelnden Aspekten und psychedelischer Musik, philosophische oder tiefenpsychologische Floskeln bleiben außen vor. Kafkas Groteske lebt hier nicht nur in den Wortbildern, sie findet ihre körperhafte Kommentierung auch in skurrilen Metamorphosen, wenn die Figurenspielerin ihre Finger, halb bedeckt von einem Hut, wie Käferbeinkrabbeln hörbar macht oder ein körperloser Figurenkopf, in eine Gardine gewickelt, zum lebendigen Wesen wird. „Es ist krepiert“ – die bayrisch grantelnde Zugehfrau entdeckt den toten Gregor, bedeckt ihn fürsorglich und verabschiedet sich – weit und breit die einzige nicht monströse Figur.