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Unheimlicher Alleingang im Gruselkabinett

erschienen am 01.01.2005 in Mitteldeutsche Zeitung

Dessau. Wer tief genug in den Keller hinuntersteigt, wird irgendwann Gespenster treffen. Und wer unbedingt in die Abgründe einer geliebten Seele blicken will, der muß sich nicht wundern, wenn es dort finster ist. Auch Blaubarts letzte Frau konnte sich nicht verkneifen, im Trüben zu fischen. War der grausige Fund im verbotenen Zimmer die Strafe für fehlendes Vertrauen? Oder war das kategorische Verbot die subtile Gemeinheit eines Psychopathen? Annette Scheibler entscheidet sich für keine Lesart, sondern spinnt aus allen möglichen Anspielungen ein schauerromantisches Wirrwarr. Obskur und mit verwickelter Erzählstruktur, doch so appetitlich wie ein vergifteter Apfel. Seit die Stuttgarter Puppenspielerin unter dem Namen „Theater pepperMIND“ ihre kleinen Kabinettstücke betreibt, arbeitet sie mit doppeltem Boden. Auch ihr neuestes Programm ist wieder eine Geschichte voller Falltüren, überraschender Wendungen und gewagter Vermutungen, die auf steilen Serpentinen ins Nichts führen. „Blaubart“ ist Annette Scheiblers viertes Solo und eine erstklassige Märchenadaption.

Als Charles Perrault vor dreihundert Jahren seinen „Barbebleue“ erfand, kombinierte er die Geschichte eines mittelalterlichen Kindsmörders mit einer populären Initiationslegende, worin der frauenmordende Unhold von den Brüdern seiner letzten Braut gerade noch rechtzeitig enthauptet wird. Heute jedoch ist nichts mehr sicher. Anstatt peu à peu ein Gruseldrama zu entrollen, erhebt Annette Scheibler die wichtigste Zutat des Genres, Ungewißheit, zum radikalen Prinzip. Anschließend verknüpft sie Märchenelemente und Mythenteile mit kruden Gerüchten, bunten Phantasien und Interpretationen zu einem unentwirrbaren Knäuel.

Dabei hat alles ganz harmlos begonnen. Eine Dame mit Dutt setzte sich in einem kapriziösen Kleid ans Klavier, um ein paar private Anekdoten über ihren verstorbenen Klavierlehrer preiszugeben und um sich in Blaubarts Schloß hinein zu phantasieren. Mit Unschuldsmiene betritt sie das gefährliche Terrain menschlicher Sehnsüchte, manövriert sich zwischen Alpträumen hindurch, an Perversionen vorbei.

Nebenher lenkt die Akteurin an langer Leine einen Marmorkopf und strangulierte Barbiepuppen. Diese fallen immer mal – kurzes Aufkreischen! – mitten in die Inszenierung hinein. Jeder darf – stellvertretend für den alten Blaubart – seiner Entzauberung beiwohnen. Nicht, daß Annette Scheibler irgendwelche Rätsel auflöste. Sie hütet sich, die düstere Metaphorik des Märchens zu zerstören. Natürlich zitiert sie die modernen Methoden vermeintlichen Rationalismus an, doch offeriert sie ihre Analyseergebnisse als jenen Klatsch und Tratsch, der nun mal an einem berühmten Ladykiller klebt.
Warum schlich Blaubarts Frau in finsteren Kammern herum, statt sich beim Einkauf zu zerstreuen? Wieso blieb sie so lange auf ihren gepackten Koffern sitzen, bis der Schürzenjäger sie am Schlaffittchen hatte? Und weshalb meuchelte der Unhold eigentlich seine erste Angetraute? Annette Scheibler schenkt sich die Antworten. So gewinnt sie Zeit, um haarsträubend behaarte Hexen zu erfinden, über Persephone zu plaudern und eine selbstgestrickte Fruchtbarkeitsgöttin vorzuführen. Außerdem gibt sie mit unwiderstehlichem Charme anzügliche Scherze zum Besten.

Hier verführt eine Magierin ihr Publikum. Im Verschwörerton intimer Indiskretion malt sie ihre beiden Leitmotive aus: unwahrscheinlich große Männer und ungewöhnlich starken Haarwuchs. Sie hat Spaß daran, Erzähl-Enden aufzudröseln, Handlungsstrände abzuschneiden, neue Anfänge zu stricken und fügt das ganze doch zum Schluß zusammen. Ein unheimlicher Alleingang!