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Unterm Brautkleid lauert die Fratze

Theater - Premiere der neuen Produktion »Salto lamento« des Figurentheaters Tübingen im Zimmertheater-Keller
erschienen am 09.12.2006 in Reutlinger Generalanzeiger
von akr

TÜBINGEN. Mit einer Braut ganz in Weiß tanzt Frank Soehnle herein, doch unterm Schleier lauert die Fratze. Als sich die Gaze im Lufthauch hebt, fällt der Blick auf ein Skelett. Als Totentanz offenbart sich die neue Produktion des Figurentheaters Tübingen, die am Donnerstagabend im Tübinger Zimmertheater Premiere hatte und dort heute Abend noch einmal zu sehen ist.
»Salto lamento – oder die nächtliche Seite der Dinge« führt in ein morbides Zwischenreich. Mitten aus der Lebenslust grinst der Verfall, und immer wenn der Tod scheinbar gesiegt hat, krabbelt neues Leben aus der Asche.

Geführt an Fäden und Seilen

Wobei das, was hier lebt, Puppen sind. Merkwürdige Zwischenwesen, halb Mensch, halb Gerippe, zwischendurch mal ein vergoldeter Kentaur. An Marionettenfäden oder Gummiseilen, an Stöcken oder direkt an Frank Soehnles Hand geführt treiben sie ihr seltsames Wesen oder Unwesen.
Ein alter Tisch, ein Bilderrahmen – sind wir in Fausts Studierstube oder in einem vergessenen Hinterzimmer der Hölle? Die Schublade geht auf, ein Blatt Papier tanzt an einem Faden durchs Scheinwerferlicht. Immer wieder werden an diesem Abend Papierstücke auftauchen und verschwinden, am Anfang sind sie leer, am Ende voll beschrieben, dunkle Kontrakte vielleicht, wer weiß.
Es ist gerade das Spiel mit der Andeutung, das dem Abend seinen Reiz gibt. Es wird kein Wort gesprochen, auf der Bühne sorgen die Musiker Stefan Mertin und Johannes Frisch mit Kontrabass, Bassklarinette und allerlei anderen Instrumenten für die angemessen düstere Geräuschkulisse. Da gibt es traurige Kiezmerklänge, zu der eine Gestalt eine Urne zu Grabe trägt, da gibt es finster komische Totentänze zur Irish Pipe. Ab und an werden die Musiker mit ins Spiel einbezogen, dann ziehen sie sich wieder ins Dunkel zurück. Auch Frank Soehnle selbst wird immer mal wieder vom Puppenspieler zum Darsteller.
Die eigentlichen Stars sind aber Soehnles Puppen. Wie sie nur mit der Körpersprache mal Komik, mal Tragik ausdrücken, ist verblüffend und anrührend. Dabei konzentriert sich Soehnle immer auf einzelne Körperteile: Bei einer Figur liegt der ganze Ausdruck in den Händen, dem Zeigefinger, der nervös auf die Tischplatte trommelt; bei einer anderen wird der Blick ganz auf die Beine geführt, wie sie sich lasziv biegen und strecken. Wenn nach diesem erotischen Puppentanz dann doch der glutrote Schleier fällt, wartet schon die nächste Überraschung – und wird nicht verraten!

Nahtlos greifen Bilder, Klänge und das von Karin Ersching geführt Licht ineinander. Nahtlos fügt sich die Choreografie (Karin Ould Chih) der Spieler in die der Puppen. Nahtlos entsteht Bild aus Bild, Zusammenhänge werden angerissen und wieder verschleiert, und in immer neuen Boxen warten immer neue Figuren und Überraschungen.

Zwischendurch droht das Präsentieren neuer Gestalten zum Selbstzweck zu verkommen; zudem plätschert die Musik etwas zu beiläufig dahin. Man fühlt sich ein bisschen wie auf dem Jahrmarkt, wo immer neue Sensationen aus der Wundertüte gezaubert werden.

Das mit dem Jahrmarktflair ist sicher nicht unbeabsichtigt: Nichtzufällig wirken Soehnle und die Musiker mit ihren Käppis, weiten Hosen und langen Jacken (Kostüme: Sabine Ebner) wie orientalische Gaukler, Und doch droht die Sache etwas ins Beliebige abzugleiten. Aber nur einen Moment, dann greifen Soehnle & Co. die liegen gebliebenen Fäden wieder auf, entwickeln die Figuren weiter, und am Ende bekommt selbst die Sache mit den rätselhaften Papierstücken die gebührend mysteriöse Pointe.

Am Ende viel Beifall und sogar Bravos für einen Figurentheaterabend, bei dem man richtig hineingesogen wird in morbide Fantasien. Wer die Tübinger Vorstellungen verpasst hat, bekommt im Frühjahr seine Chance, dann läuft das Stück vom 23. bis 25. Februar und vom 22. bis 24. März im Stuttgarter Figurentheater »Fitz«, (akr)