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Uraufführung im Fitz: „Mrs. Ikarus“

erschienen am 10.11.2003 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Unter den Hauptdarstellern von „Mrs. Ikarus“: ein Ventilator, ein Projektor und der Soundtrack. Andreas Schäfer und Sophie Sauter setzen mit einem pulsierenden Klanggewebe aus Klassik und Pop einen Kontrapunkt zu Filmsequenzen und Stephanie Rinkes geheimnisvollem Spiel mit Tüchern, Seilen und Figuren. Fesselnd, wenn auch stellenweise zu bedeutungsschwer und verliebt in ihre effektvollen Bilder ist die von Frank Soehnle für das Figurentheater Paradox inszenierte Reflexion über die Sehnsucht des Künstlers, in den Olymp der absoluten Wahrheit aufzusteigen. Den vorprogrammierten Absturz in die Realität untersucht die Aufführung am Beispiel von Ikarus und der Schriftstellerin Virginia Woolf. Aus Angst, „über den Rand der Welt ins Nichts“ zu fallen, ging sie eines Tages ins Wasser.
Faszinierend wie Stephanie Rinke das Schicksal der beiden mit melancholisch komischen Momentaufnahmen des Scheiterns einfängt: Als künstlerisches Gegenüber schält sich aus dem Körper der Spielerin die übermenschlich große Puppe einer verstörten Virginia Woolf, um vom Grau der projizierten Wasserfluten aufgesogen zu werden. Ein flügellahmer Ikarus fliegt durch den Raum, vergeht in der Sonnenglut des Films. Der Wind aus dem Ventilator weht das Blau der Lebensfreude vom Leinwandhimmel und bringt einen Todesmantel der Mittelmä ßigkeit zum Tanzen.