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Verlorene Unschuld oder Die Rache des Filzstifts

Materialtheater Stuttgart erzählt im Häfler Kiesel aberwitzig eine Geschichte der Achtsamkeit
erschienen am 01.01.1970 in Südkurier
von Harald Rupert

„Und wenn wieder mal ein Filzstift in einer Tasche ausläuft, ist das kein kleines Missgeschick“, sagt der Erzähler Daniel Kartmann – wenn das passiert, ist es die kleine Rache der Dinge für die schlechte Behandlung, die sie durch die Menschen erfahren. In der Regel stellen sie sich tot, nachdem sie eine Zeitlang revoltiert haben, indem sie den Dienst versagten: Der Deckel der Teekanne biss in Finger, der Müllschlucker schluckte keinen Müll mehr, doch die Menschen schlugen zurück. Mit faschistischer Gewalt rangen sie die Dinge nieder, zwangen ihnen ihren Willen auf, bis diese ihn zum Schein niederlegten. Heute haben die Menschen vergessen, dass die Dinge einmal Leben zeigten, die Dinge aber haben nichts vergessen. Wenn also wieder mal ein Filzstift ausläuft…
Dem Materialtheater Stuttgart gelingt mit seiner Bühnenparabel „Drei Affen“ im Kiesel in Friedrichshafern alles auf einmal: Es verführt zum Lachen, es rührt an, es stimmt nachdenklich und ist im Ganzen so gedankenvoll wie ein philosophischer Wälzer – nur viel unterhaltsamer. Indem das Stück den produzierten Dingen eine Seele andichtet, fragt es nach der Bindung des Menschen an sie – und diese Bindung wird immer geringer, je größer die Zahl der Dinge wird, die Menschen besitzen. Im gleichen Maß wie diese Bindung schwindet, wächst der herrische Machtwille.
Es gerät eine Spirale des Habenwollens in Gang, wobei gegenüber dem wachsenden Besitz schließlich die Sorgsamkeit auf der Strecke bleibt – eine Materialismuskritik, die ankommt, weil die Aufführung Erwachsenen wieder den Blick von Kindern verleiht: Durch drei Schauspieler, die in leuchtender Garderobe in einer nordisch klingenden Phantasiesprache radebrechen und in einer Verbindung von Clownerie und Zauberei ein wahres Märchen für die Gegenwart erzählen.
Nie wirkte ein Stuhl einsamer als jener, der ungeliebt auf der Bühne steht, weil sein Schöpfer zu einem neuen, schöneren Stuhl übergelaufen ist. Austauschbar ist er geworden. Vorbei die Zeit, in der ein Ding einzigartig war. So einzigartig, dass die Menschen erst lernen mussten, was sie mit dem ersten Ding, das sie in rätselhaftem Schaffensdrang hervorbrachten, überhaupt anfangen sollten. Diese Entdeckung der Dinge wird durch die Bühnentechnik zur beidseitigen Annäherung: Die Dinge bewegen sich über den Bühnenboden, sie klappern und vibrieren und lassen sich willig zu ihren schließlich gefundenen Zwecken zähmen. Damit adeln sie auch die Menschen – als sich etwa zeigt, wozu Kehrwisch und Schaufel zu