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Verrat im Sandkasten

Marinas Fluch: Uraufführung der "rücksichtslosen Demetrius-Untersuchung" im Stuttgarter Fitz
erschienen am 14.03.2005 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Mein Werk ist Verrat. Mein Name Marina, spricht die Frau, verwandelt sich in eine Elster und fliegt davon. So endet eine rücksichtslose Untersuchung des ‚Demetrius‘ von Dr. Friedrich von Schiller unter dem Titel Marinas Fluch, der von der Compagnie Vanessa Valk aus Stuttgart unter der Regie von Andrej Kritenko im Figurentheater Fitz uraufgeführt wurde.

Unvollendete Tragödie

Im Zentrum der dramaturgisch interessanten, multimedialen Produktion steht die Figur der polnischen Adligen Marina Mnischek,, die als Schicksal des falschen Zarensohns Demetrius gesehen wird. Diesem Stoff aus dem 17. Jahrhundert galt Schillers letztes Schaffen, ehe er starb. Die Heldentragödie blieb unvollendet. Demetrius wurde hingerichtet, der Dichter machte den letzten Atemzug und über allem schwebt der Name Marina. Sollte da ein Zusammenhang bestehen?

Die Frage wird im Stück nicht beantwortet und spielt letztlich auch kein Rolle, gibt es doch auf der schrägen Bühne, die mit feinstem weißen Sand bedeckt ist, genügend zu sehen. Boris Iwuschin aus Petersburg spielt den russischen Prinzen Dimitri, der seiner polnischen Geliebten Marina den Zarenthron verspricht. Marinas Fluch handelt vom Aufstieg des heruntergekommenen Flüchtlings, eines kleinen unbedeutenden Ausländers, der es zum mächtigsten Mann seiner Zeit schafft, und von seinem dramatischen Fall, an dem die Frau, von der er glaubt, dass sie ihn liebt, und seine Mutter (beide werden gespielt von Vanessa Valk) maßgeblich beteiligt sind. Das Stück ist ein visuell gelungenes Zusammenwirken von Schauspiel, Puppenspiel, Lichteffekten und Videoprojektionen, eingebettet in eine bemerkenswerte Klangwelt, die Stefan Charisius geschaffen hat. Das Agieren der Spieler im Sandkasten findet Ergänzung durch digitale Bilder und Videos, die auf die unebene Sandfläche projiziert werden. Da formt sich Marina einen passenden Mann aus Sand, über den sich das Foto von Dimitri legt. Später rammt Iwuschin das kostbare Kreuz, das Dimitri als tot geglaubten Zarensohn ausweist, in den Sand, der sich im dramatischen Blutrausch augenblicklich ochsenblutrot verfärbt. Als Marina am Boden liegt und zur Elster mutiert, werden an ihre Arme Flügel projiziert, die sich langsam ausbreiten; ihr Körper biegt sich wie ein Vogelleib, und es hätte keinen im Zuschauerraum gewundert, wenn sie sich tatsächlich in die Luft gehoben hätte. Derartige Interaktionen zwischen Mensch und Technik machen den Reiz des vielschichtigen Stückes aus, das Stefan und Isabel Charisius musikalisch live begleiten.

Schiller auf Russisch

Etwas zäh hingegen wirkt das Sprachexperiment mit Schiller-Texten, die Iwuschin auf Russisch vorträgt und von Valk oder Charisius als Sprecher aus dem Off übersetzt werden. Das sieht angestrengt nach Russischliteraturkurs aus und entlockt manch einem Zuschauer im Halbdunkel ein unterdrücktes Gähnen. Natürlich hat der Klang der russischen Sprache eine melodische Komponente, doch Sätzen, die man nicht versteht, über Minuten hinweg zuzuhören, strengt an.

Nach 70 Minuten angespannter Suche nach der eigenen Identität und einem gescheiterten Kampf um die Macht ist Demetrius tot, zur Strecke gebracht von einer Karrierefrau, der es völlig gleichgültig ist, ob er nun der Zar oder ein Betrüger ist. Zuvor entlarvt er sie als Marilyn-Monroe-Imitation mit blonder Perücke. Aber: The show must go on, auch im Falle eines Vamps, der die Verführung der Macht als Mittel zum Zweck einsetzt. Eine ganz normale Beziehungskiste: Er ist von sich überzeugt, sie liefert die Gesinnung. Macht, Gewalt und Unrecht regieren auch heute noch  nicht nur in Russland. Und alle Marinas dieser Welt finden immer wieder ein neues Transportmittel für ihren Machthunger.