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vom genie geküsst – wilde & vogel und die empfindsamkeit der giganten

erschienen am 17.09.2016 in reihesiebenmitte
von miss laine

Da ist es gleich zu Beginn – dieser unernste Ernst, das Augenzwinkern, das Hineinlocken in die Theaterzauberwelt: Ein leerer Stuhl quert wie von unsichtbaren Fäden gezogen den Saal und sorgt für gespannte Heiterkeit. Mit einem vollklingenden Gong werden sie dann gerufen, die (empfindsamen) Giganten: Bach! Freud! Da Vinci! Gelingt es, ihnen ihr Genie zu entreißen? Und es demokratisch unter den Anwesenden zu verteilen? Kommt und seht!

Auch das nicht-geniale Hirn wird gehörig durcheinander gewirbelt

In der dritten gemeinsamen Produktion sind Charlotte Wilde, Michael Vogel und der österreichische Puppenspieler Christoph Bochdansky angetreten, den Giganten ihr Genie bzw. dem Genie sein Geheimnis zu entlocken. Herauskommt ein leichtfüßiger Reigen, irgendwo zwischen beinah-okkulter Obduktion und sinnlicher Geist(er)-Beschwörung.

Hüten Sie Ihre Angst, wie einen Schoßhund!

Es treten auf: Der Vater der Psychoanalyse, Dr. Sigmund Freud. Seine Zigarre (bzw. seine linke Hand mit Zigarre), ein Hund, seine Couch. Das Bach’sche Kinderklavier. Dazu ein spitzschnabeliger Übersetzungsfehler (denn, anders als es in Freuds hübscher Analyse heißt, war es der Milan, und nicht der Geier, der den kleinen Leonardo in seiner Wiege besuchte). Die blonde Bartlocke Leonardo da Vincis (und später, mittels des irrlichternden Mediums Michael Vogel, die Reinkarnation des Genies höchstselbst aus eben jenem Barthaare). Ah, und das Lächeln der Mona Lisa.

Nistet es hier, das Genie?

Mit ein paar wenigen Requisten sind alle ständig in Bewegung durch den Raum: Christoph Bochdansky als wissender Strippenzieher. Charlotte Vogel zwischen Violine, Harmonium und ihrem Klangzaubertisch (was nicht alles welche Geräusche machen kann!). Und allen voran Michael Vogel –  in skurriler Maske mit charmanten Überbiss den wiederauferstandenen Leonardo mimend, auf der Freud’schen Couch gewissermaßen das Genie mit Zigarrenrauch ausatmend oder mit entzückender Köter-Handpuppe kalauernd. Oder singend: als Schlusspunkt und einfach ergreifend den wunderbaren Peer-Raben-Chanson „Die großen weißen Vögel“.

Seht ihr die weißen Möwen dort,
sie fliegen weit vom Ufer fort
im Meerestosen.
Sie formen Schreie und erzählen:
unsre Flügel sind die Seelen
der Matrosen.

Was ist das Genie und wenn ja wie viele? Nistet es im Gehirn-Geäst (das zur Analyse mit rot-funkelnden Nervenenden von der Decke schwebt)? Und kitzelt es möglicherweise, wenn es über einen kommt? May be. Die drei Spieler umkreisen diesen Planeten – klug und geistreich, schwebend und dennoch geerdet und immer wieder mal überraschend die Umlaufbahn wechselnd.

Am Ende sind wir vielleicht nicht unbedingt genialer, aber auf jeden Fall reicher. Denn diesem Genie-Streich gelingt es, das Publikum mit einem flüchtigen Musenkuss auf die Stirn zu entführen in einen verzauberten Kosmos aus Theatermagie, Klangzauber, Witz, Esprit, Verstand. Und ganz viel Herz.

Hingehen und vom Genie küssen lassen!
(Kauft euch unbedingt das überaus anregende, von Robert Voss liebevoll gestaltete Programmbuch.)