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Vom Nichts bleibt aber viel

Ein ungewöhnliches Puppenspiel in der Karlskaserne
erschienen am 06.07.2004 in Leonberger Kreiszeitung
von Susanne Müller-Baji

LUDWIGSBURG – Das Wesen stand auf der Bühne, das eine Bein über eine Halterung geschwungen, die eine Krücke sein könnte oder auch eine Prothese. Die unbequeme Haltung erinnerte an die verdrehten Gliedmaßen einer Puppe. Doch jene Puppe dachte über eine menschliche Frage nach: Bin ich eigentlich ich? Schauspielerin Iris Meinhardt nahm am Samstag das Publikum in der Tanz- und Theaterwerkstatt in dem Stück „etwas vom nichts“ mit auf ein Abenteuer zwischen Puppenseele und „Fremd-Körper“.

Was die Schauspielerin mit Regisseur Joachim Fleischer auf die Bühne brachte, war ein poetisches Pendeln zwischen ideellen und realen Bedeutungsebenen. Eine Puppe erhält ja im Spiel eine Seele und „erlebt“ Dinge, auch wenn sie in der Realität nur mit Mühe laufen könnte. Die Frage, ob Puppen eine Persönlichkeit haben, beschäftigte das merkwürdige Zwitterwesen: „Ganz so sicher kann man sich sicher nicht sein – vielleicht aber doch; sicherlich bin ich ich.“

Und weil das erst noch bewiesen werden wollte, schlüpfte sie in surrealen Episoden und bizarren Überblendungen in verschiedene Puppenrollen: in die der kahlköpfigen zartrosa Babypuppe mit ihrem Kindchenschema. In die des empfindlichen Liebhaberstückes, des „Püppchens“, von dem die Schauspielerin mit ungerührter Kinderstimme verkündete, es wäre nun „putt“. Später schlüpfte sie außerdem in die Rolle einer jener altmodischen Papierfiguren, denen mart immer neue Kleider anstecken konnte. Nur, dass Iris Meinhardt über Projektion Kleider auf den Körper gelegt wurden – in aberwitziger Geschwindigkeit und immer neuen absurden Kombinationen.

Mit wenigen Requisiten schuf das Team um die Schauspielerin ein emotionales Wechselbad, denn eine kaputte Puppe lässt sowohl an Spielzeug als auch an verstümmelte Menschenkörper denken. Manchmal erspähte man einen morbiden Hauch von Pathologie, manchmal klangen aber auch die nicht enden wollenden großen Ferien der Kinderzeit an. Maßgebliches Transportmittel dieser Stimmungen und ihrer unvermittelten Umschwünge war die Musik von Thorsten Meinhardt, Wim Mertens und Rene Aubry. Manchmal schritt sie meditativ voran, drohte mit den dunklen Schatten eines Flamenco-Anklanges und hüpfte dann wieder dahin, schlicht wie ein Kinderlied.

Gelungenes Stilmittel waren die Projektionen: Mal ließ sich Iris Meinhardt einen Zylinder auf den Leib legen, mal schlüpfte sie immer wieder aus dem gleichen Gewand wie aus einer eng gewordenen Haut. Bisweilen machte sie sogar wahr, was sie verbal androhte: „Heute Abend werde ich als zwei gehen, ich werde mich also verdoppeln.“ Und nicht nur das: Im Takt der Musik nutzte sie den kahl geschorenen Kopf als Projektionsfläche, schuf so Anklänge an ein Gala-Porträt des Surrealisten Salvator Dali und ließ ein Gesicht in kleine Flocken zerrieseln. Am Ende blieb tatsächlich ein unbegreifliches „etwas vom nichts“.